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Familie Finlay

[Generation.Woche.Episode]


I.2.1 Glück auf Rezept
I.2.2 Jungs, Mädchen und kleine Geheimnisse
I.3.1 Zeiten
I.3.2 Müde Mütter und Erfolgsmänner
I.3.3 ... ausgebrannt

 

Glück auf Rezept

 
Alex war wirklich glücklich, als der Makler ihnen das neue Haus gezeigt
hatte. Ihm war sein altes Haus ja schon eine ganze Weile nicht mehr groß
genug gewesen. Aileen hatte zwar bisher immer gegen einen Umzug
protestiert, aber nun war ja alles anders gekommen. Und Alex platzte fast
vor stolz, als er nun morgens auf dem Weg zur Arbeit noch einmal
zurückschaute.
 

Endlich hatte er das Gefühl, genug Platz zu haben und auch im Haus
durchatmen zu können. Neben den beiden Etagen stand nämlich nun auch
ein voll ausgebauter Keller zur Verfügung. Ja, Alex war mit dem Haus
wirklich zufrieden. Aileen war der ganze Umzug sehr schwer gefallen, denn
sie hatte einige Freunde dadurch verloren und musste nun quasi wieder von
neuem beginnen, sich ein paar Freunde zu suchen.
 

Dies war allerdings nicht so leicht für Aileen, denn durch ihre
fortgeschrittene Schwangerschaft war sie nun nicht mehr sehr flexibel und
fühlte sich teilweise sogar ziemlich eingeengt. Natürlich liebte sie ihre
Kinder und war immer noch ganz vernarrt in ihren Mann. Aber ein
klitzekleiner Teil ihres Herzens war eben egoistisch genug, um sich auch
einmal etwas Freiraum zu wünschen. Als sie Alex davon erzählte, war er
schwer betrübt und überlegte angestrengt, wie er ihr helfen konnte.
Schließlich lag ihm ihr Glück sehr am Herzen und so kam er auf die Idee,
eine helfende Hand in den Haushalt zu holen. Aileen fand die Idee gut und
so einigten beide sich darauf, dass ein Aupair wohl die beste Lösung für sie
wäre.
 

Schon wenige Tage später kam Nicole bei den Finlay´s an und Aileen nahm
sie genauestens unter die Lupe. Schließlich musste sie ihr voll und ganz
vertrauen können und Aileen nahm das Ganze sehr ernst. Glücklicherweise
waren die beiden sich auf Anhieb sympathisch und einem friedlichen
Zusammenleben schien nichts im Wege zu stehen. Alex bekam davon
allerdings nicht allzu viel mit. Er hatte zu dieser Zeit die seltsamsten
Schichten im Krankenhaus und war froh, wenn er in der Nacht wenigstens
noch einen kleinen Blick auf seine Kinder werfen konnte.
 

Er war deswegen schon ziemlich mürbe und hatte immerzu das Gefühl, das
Wichtigste in seinem Leben zu verpassen. Alex war eines Tages wirklich
entsetzt, als seine Zwillinge für ihn urplötzlich gewachsen waren und er
überlegte ernsthaft, ob er seinen Beruf nicht vielleicht an den Nagel
hängen sollte.
 


Aileen hatte zu dieser Zeit tatsächlich einige Mühe, ihn auf Kurs zu halten,
denn er litt schrecklich unter der Trennung. Doch mit Engelszungen konnte
sie ihn schließlich doch noch davon überzeugen und er nahm seinen Frust
mit in ein Gespräch mit seinem Vorgesetzten. Daraus ergab sich ein neuer
und wesentlich besserer Dienstplan für Alex, was sich positiv auf die ganze
Familie auswirkte.
 

Endlich konnte Alex sich wieder mehr seinen Kindern widmen und blühte
förmlich darin auf. Besonders Brian schien dies zu genießen und konnte gar
nicht genug Aufmerksamkeit von seinem Vater erbetteln. Aileen wusste
manchmal gar nicht, auf welchen ihrer Jungs sie im Moment gerade
aufpassen sollte, doch wenn die zwei durch das Haus tobten, brachte sie
meist erst einmal Bethany in Sicherheit.
 

Insgeheim genoss Aileen diese Minuten aber sehr, denn dann hatte sie ihre
Püppi ganz für sich alleine und konnte sie so ein paar Minuten lang so
richtig ausgiebig knuddeln. Selbstverständlich liebte sie ihr Mädchen nicht
mehr als Brian. Aber es gab eben doch einen kleinen, aber feinen
Unterschied zwischen ihnen und Aileen war ehrlich genug mit sich selbst,
um sich das einzugestehen.
 

Und während sie so also oft mit der Kleinen alleine war, hatte sie immer
noch ein wachsames Ohr auf die beiden Rabauken nebenan gerichtet.
Mittlerweile hatte Aileen ein sehr gutes Gespür für „verdächtige Ruhe“
entwickelt und alle kleineren und auch mittleren Katastrophen entgingen ihr
natürlich nicht. Doch meist bewältigte Alex seinen Schlamassel allein und
beseitigte gewissenhaft alle Spuren.
 

Denn auch er hatte sich gut in seine Vaterrolle eingelebt und begegnete
allen Widrigkeiten, die Kleinkinder manchmal so mit sich bringen, mit einer
bewundernswerten Gelassenheit. „Alles im grünen Bereich, Baby.“, pflegte
er oft zu sagen und war sehr erstaunt, als sie ihm eines Tages antwortete:
„Hier nicht. Baby!“
 

Besorgt und überrascht eilte er zu ihr. Nachdem er sich schnell gefangen
hatte, half er seiner Frau liebevoll und kundig bei der Entbindung, denn
auch dieses Mal kamen die Wehen so plötzlich, dass für alles andere
sowieso keine Zeit mehr geblieben wäre.
 

Im Gegensatz zu Aileen war Alex wirklich überrascht, wieder Zwillinge zu
bekommen, denn die Untersuchungen hatten nichts davon verraten, wie er
sarkastisch feststellte. Aileen lachte ihn liebevoll an und sagte einfach nur:
„Och, ich hab´ mir so was schon gedacht. Hast Du noch ´nen zweiten
Namen parat?“.
 

Natürlich hatte er das und die Neugeborenen blieben nicht Namenlos. Alex
nahm sich ein paar Tage frei und kümmerte sich fürsorglich um Aileen. Er
versorgte sie so gut, dass sie sich schon bald wieder ganz erholt hatte.
 

Doch auch er selbst genoss diese Tage sehr und verbrachte viel Zeit mit
den Kleinen. Er war ganz begeistert von der Entwicklung seiner Kinder und
vertrieb ihnen die Zeit mit vielen gemeinsamen Spielen.
 

Und verstand es dabei, die unliebsamen Aufgaben gut zu verteilen. Nicole
ärgerte sich deswegen zwar ein bisschen, aber Alex war dabei immer so
charmant, dass sie es ihm nicht wirklich übel nahm.
 

Bald war Aileen wieder ganz erholt und hatte die Bettruhe auch einfach
satt. Sie war noch nie die Art von Mensch gewesen, die anderen bei der
Arbeit zusehen konnte und so kam sie auch jetzt wieder schnell auf die
Beine. Aileen´s Mutterschaftsurlaub ging schnell zu Ende und sie bereitete
sich wieder auf die Arbeit vor.
 

Und als es dann wieder soweit war, verließ sich das Haus mit ruhigem
Gewissen, denn Nicole machte ihren Job großartig und immerhin hatte Alex
jetzt ja auch erst nachmittags seinen Dienst. Die Kinder waren also
bestens versorgt und Aileen hatte in dieser Beziehung keine Sorgen.
 

Und die hätte sie sich auch wirklich nicht machen brauchen, denn ihre
Kinder waren allesamt wohlbehütet und verbrachten ihre Zeit fröhlich
spielend. Nicole kümmerte sich gewissenhaft um all ihre Bedürfnisse und
alles lief gut.
 

Wenn Alex und Aileen dann abends wieder einmal einen schönen Film
zusammen schauten oder ähnliches, waren sie sich einig, dass ihr Leben
kaum besser verlaufen konnte. Sie waren wirklich zufrieden. Und so sehr sie
ihre Kinder liebten, sie genossen durchaus auch die wenigen Stunden, die
sie ganz für sich waren.
 

Denn … nun ja … manchmal möchte man eben nicht nur ein Elternteil sein.
Und bei diesen beiden war für jedermann sichtbar, wie sehr sie sich noch
immer liebten. Manchmal kam es Alex fast so vor, als würde er seine Aileen
erst vor wenigen Wochen kennen gelernt haben und er kam oft an den
Punkt, wo er ihr nicht nur sagen wollte, wie glücklich er war. Er wollte es
ihr zeigen.
 


Immer mal wieder überraschte er sie mit kleinen Geschenken oder sie
wachte neben einem wunderschönen Blumenstrauß auf. Alex vergaß
niemals, wie wichtig Aileen ihm war und ließ es sie auch immer spüren. Er
liebte sie. Und das sollte sie immer wissen.
 


Aileen ihrerseits konnte oft gar nicht fassen, wie sehr sich ihr Mann um sie
bemühte und ihr fehlten in solchen Momenten oft die Worte. Irgendwann
einmal fragte sie ihn, warum er all das tat. Sie konnte es sich nämlich
wirklich nicht erklären und vermutete schon die seltsamsten Beweggründe
dahinter. Alex nahm sie in den Arm und sagte: „Was wäre ich für ein Kerl,
wenn ich Dir nicht dafür danken würde, dass Du mich zum glücklichsten
Mann der Welt machst?“
 
 

Jungs, Mädchen und kleine Geheimnisse


 

Im Hause der Finlay´s hatte sich eine angenehme Routine eingeschlichen,
die nun allerdings von einem neuen Familienmitglied
unterbrochen worden war. Eines Abends kam Alex mit einem Käfig samt
Bewohner nach Hause. Er erklärte, dass es sich hier um ein Findelkind,
gewissermaßen eine Waise handelte. Ein Patient hatte eine höchst seltene
Allergie auf Federn entwickelt und den Vogel kurzerhand einfach im
Krankenhaus abgeliefert.

Aileen war im Grunde nicht sehr begeistert, doch als sie einen Blick auf das
Tierchen warf und ihr Göttergatte sie mit einem herzzerreißenden
Dackelblick anschaute, konnte sie natürlich nicht ablehnen. So kam es
also, dass die Finlay´s nun offiziell einen Vogel hatten.

Alex hatte ihr aber dennoch versprechen müssen, sich selbst um die Pflege
des Tieres und vor allem die des Käfigs zu kümmern. Natürlich hatte er
nichts dagegen, denn er wusste ja, das Aileen mit Tieren eigentlich so gar
nichts am Hut hatte. Nicht, dass sie Tiere nicht mochte … aber im Haus
hatte sie so etwas eben nie haben wollen.

Aileen gewöhnte sich aber dann doch relativ schnell an Pinky und nahm
seine „Geräusche“ bald kaum noch wahr. Er störte sie nicht und sie konnte
sich sogar direkt neben seinem Käfig auf ihre Arbeiten konzentrieren. Und
das musste sie auch, denn in der Schule gab man ihr seit neuestem immer
anspruchsvollere Arbeiten.

Sie empfand dies aber nicht als Last. Im Gegenteil, sie wuchs an ihren
Aufgaben und ging immer sehr gerne arbeiten. Ihre Vorgesetzten waren
freundlich und auch mit ihren Kollegen hatte sich Aileen mittlerweile schon
gut angefreundet. Sie mochte ihren Beruf sehr, doch es war jeden Tag
wieder so, dass sie spätestens um 11 Uhr begann, die Stunden bis zum
Feierabend zu zählen. Auf den freute sie sich nämlich noch weitaus mehr.

Und warum auch nicht? Schließlich erwartete sie ein Haus voller
Menschen, die sie liebte. Aileen´s erster Gang war natürlich immer der zu
den Kinderzimmern, wo sie fröhlich glucksend empfangen wurde.

Ganz nebenbei konnte Aileen mit ihren größeren Kindern auch sehr gut für
ihren Job üben, denn die beiden stellten gewissermaßen das Testpublikum
für neue Kinderbücher oder Spiele dar. Alle profitierten davon und hatten
sogar noch Spaß dabei. Und Für Aileen sprang dabei sogar am Ende noch
eine Beförderung heraus.

Sie war schon ein wenig stolz auf sich und das Lob von Alex ging ihr
förmlich runter wie Öl. Alex war wirklich begeistert und freute sich sehr für
seine Frau. Besonders witzig fand er den Umstand, dass sie dann wohl
sehr bald ihre eigenen Kinder unterrichten würde, denn die beiden waren ja
nun schon eingeschult worden.

Brian war anscheinend der fleißigere von beiden, denn Bethany musste
man doch immer wieder an ihre Hausaufgaben erinnern. Sie war weitaus
verträumter als er und trödelte gerne mal etwas länger herum, wenn
unliebsame Aufgaben auf sie warteten.

Und im Gegensatz zu Brian war sie auch deutlich weniger begeistert von
der Beförderung ihrer Mutter. Ja, sie freute sich schon für Aileen. Aber sie
machte den Vorschlag, ihre Mutter könnte doch an einer anderen Schule
als Lehrerin arbeiten. Sie fing Alex vor der Tür ab und seufzte: „Das ist so
uncool, die eigene Mutter in der Schule zu haben! Echt unfair. Jetzt habe
ich ja niiiiieeeemehr Schulschluss!“

Alex nahm sich das natürlich sehr zu Herzen und versuchte, Bethany zu
beruhigen. Er wusste, dass sie es in der Schule nicht so leicht hatte und
zeigte viel Verständnis für ihre Sorgen. Doch schließlich ließ seine Kleine
sich doch noch trösten und die beiden wogen gemeinsam die Vor- und
Nachteile des neuen Jobs ab. Am Ende hatte Alex sie davon überzeugt,
dass es durchaus auch Vorteile hatte und Bethany war sehr erleichtert.

Aber es war auch in den folgenden Wochen deutlich zu merken, dass sie
sich ein wenig zurückzog. Sie hatte sich zwar gut an die neue Situation
gewöhnt und war auch nicht verschlossen oder ähnliches. Aber immer
öfter verbrachte sie ihre Freizeit allein und widmete sich ihren Hobbies.
Aileen machte sich bald ernsthaft Sorgen um das Mädchen, denn sie wollte
ihr Kind ja nicht ins Unglück stürzen.

Insgeheim hatte sie sich schon einmal bei anderen Schulen umgehört und
ein paar Vorstellungsgespräche waren geplant. Aileen erzählte niemandem
davon. Nur die Babies wussten Bescheid, denn Aileen genoss das
befreiende Gefühl, einem Säugling all ihre Geheimnisse zu beichten. Bald
wurde ihr aber klar, dass auch diese Zeiten nun vorbei waren, denn die
beiden wuchsen schnell heran und hatten offenbar beschlossen, dass
komplette haus auf den Kopf zu stellen.

So niedlich und süß die beiden auch aussahen. Ihre Engelsgesichter
täuschten, denn beide hatten den Schalk im Nacken und heckten den
lieben langen Tag irgendwelchen Blödsinn aus. Und am Abend, wenn dann
einmal mehr alle Überschwemmungen beseitigt waren, schaute ganz
besonders Bonnie ihre Mutter mit einem derartig unschuldigen Blick an,
dass Aileen manchmal wirklich nicht mehr weiter wusste.

Doch blieb standhaft und mühte sich um Gelassenheit. Diese beiden waren
eben einfach ein wenig „aktiver“. Doch letzten Endes waren sie auch
einfach nur kleine Kinder, auch wenn Nicole sie zuweilen scherzhaft als
Monster bezeichnete. Alex fand es immer besonders komisch, wenn die
beiden Damen des Hauses sich abends müde auf das Sofa fallen ließen und
stöhnten: „Ihr seid vielleicht ein paar Luschen. Habt ihr wirklich nicht
bemerkt, wer dahinter steckt?“ Alex wollte mit seiner Vermutung nicht
herausrücken, aber die beiden kamen durch diesen kleinen Tipp schnell
selbst dahinter.

Der liebe Brian hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die beiden kleineren
immer wieder so sehr aufzustacheln, bis sie tatsächlich außer Rand und
Band gerieten und wild durchs Haus fegten. Dann lehnte er sich grinsend
zurück und begutachtete sein Experiment genüsslich. Doch an jenem Tage
setzte Aileen seinem Spaß ein abruptes Ende. Sie stellte ihn zur Rede und
hatte das erste Mal ernsthaft Schwierigkeiten, gegenüber ihrem Sohn
nicht die Fassung zu verlieren. Sie war unglaublich wütend auf ihn, was er
erschrocken bemerkte.

Als er in den folgenden Tagen versuchte, sich seinen Stubenarrest zu
vertreiben, hatte er viel Zeit, über seine Lage nachzudenken. Die Strafe
juckte ihn nicht besonders, denn draußen war es zum spielen sowieso
noch zu kalt. Aber das seine Mutter so wütend auf ihn gewesen war, ließ
den Jungen nicht locker. Da er so etwas noch nie mit ihr erlebt hatte,
hatte er die Befürchtung, sie würde nun immer wütend bleiben. Bekümmert
gab er sich nun also sehr viel Mühe, sie wieder zu besänftigen und half wo
er konnte im Haushalt mit.

Und so blitze das ganze Haus an einem Abend, als Aileen müde von einer
Elternversammlung Heim kam. Sie staunte und wunderte sich einen
Moment, doch dann lugte Brian schüchtern um die Ecke. Aileen hatte ihren
Groll in der Zwischenzeit schon längst wieder vergessen und ihr war nicht
klar gewesen, wie große Sorgen Brian sich deswegen gemacht hatte.
Stockend redete sich der Junge den Kummer von der Seele, während
Aileen ihn zu Bett brachte.

Es zerriss Aileen fast das Herz, ihn so betrübt zu erleben und sie machte
sich schwere Vorwürfe deswegen. Sie nahm sich nun viel Zeit und erklärte
ihm geduldig und absolut überzeugend, dass sie ihm natürlich schon lange
nicht mehr böse war und er sich nicht zu sorgen brauchte. Sie konnte ihm
förmlich ansehen, wie sein kleines Herz ein Sprung machte und atmete
erleichtert auf, als er ihr stürmisch um den Hals fiel.

Er klammerte sich regelrecht an sie und flüsterte ihm sanft zu: „Brian, ich
habe Dich doch trotzdem lieb, mein Schatz. Auch wenn ich mal wütend
bin. Ich werde Dich doch immer lieb haben.“ Sie brachte ihn ins Bett und
knuddelte ihn noch ein wenig, bis er eingeschlafen war.

Müde und fast erdrückt von ihrem schlechten Gewissen flüchtete sie sich
in die Arme ihres Mannes. Alex beruhigte sie und machte ihr klar, dass sie
sich nichts vorzuwerfen hatte. Er war der Meinung, dem Ganzen nicht
unnötig viel Gewicht zu geben und lieber ganz normal weiter mit dem
Jungen umzugehen.

In den nächsten paar Tagen beobachtete Alex die beiden sehr genau und
auch besorgter, als er zugegeben hätte. Doch bald schien sich die Lage
wirklich wieder völlig entspannt zu haben und nun konnte er selbst auch
wieder lockerer werden. Inspiriert durch seine Tochter hatte auch Alex
angefangen, gelegentlich zu malen. Natürlich kamen dabei keineswegs
Meisterwerke heraus.

Aber Alex entspannte sich so einfach sehr gut und deshalb war er auch
dabei geblieben. Er hatte erst darüber nachgedacht, vielleicht mit dem
Golfen anzufangen, aber das war ihm dann doch zu klischeehaft gewesen.
Und abgesehen davon, verbrachte er seine Zeit ja doch auch am liebsten
mit seiner Familie.

Er liebte es, Aileen bei dem Umgang mit den Kindern zu beobachten, denn
es überkam ihn jedes einzelne Mal wieder ein wohliger Schauer, wenn er
sie anschaute. Er fand sie ja sowieso wunderschön, aber wenn sie auch
noch eines seiner Kinder im Arm trug, verschlug es Alex immer wieder den
Atem.

Die beiden kleinen hatten sich, ohne Brian´s ewige Sticheleien, zu wirklich
lieben Kindern gemausert und spielten insgesamt wesentlich friedlicher.
Alex und aber vor Allem auch Aileen genossen diesen Wandel sehr, denn er
schonte nicht nur das Mobiliar, sondern auch ihrer beider Nerven immens.

Meistens spielten sie zusammen und man hörte nur ihr Kindergebrabbel,
wenn sie sich gegenseitig Geschichten erzählten. Alex belauschte die
beiden dann oft mit einem Ohr und war entzückt über die Abenteuer ihrer
Vorstellungskraft.

Amüsieren konnte Alex sich aber nach wie vor am meistens über Brian. Es
war kaum zu beschreiben, wie sehr sich Brian immer wieder über ein
verlorenes Spiel ärgern konnte. Er war ein wirklich schlechter Verlierer und
Alex sah schon sehr bald gewisse Aufgaben auf sich zu kommen, wo er
dem Jungen einfach nicht länger ein Kumpel sein konnte und durfte. Schon
bald würde Brian mehr brauchen.


 

Alex versuchte, diese Gedanken noch ein wenig weiter hinaus zu zögern,
denn er genoss die Unbeschwertheit dieser Tage sehr. Und noch war Brian
ja ein Kind. Noch begeisterte er sich für alles, was er sah und dachte in
den seltensten Fällen darüber nach, was wohl am nächsten Tag
geschehen könnte.

Und Alex war wirklich für jeden Tag dankbar, den sein Junior noch in seiner
Kindheit verweilte, denn er hatte ehrlich gesagt doch einige Bedenken, wie
er selbst sich wohl als Vater eines pubertierenden Finlay´s machen würde.
Ihm war seine eigene Jugend noch mehr als deutlich vor Augen und er
hoffte sehr, seine Kinder würden es ihm nicht so schwer machen. Aileen
versuchte natürlich, ihn in dieser Sache zu beruhigen, hatte zu dieser Zeit
aber eigentlich ganz andere Dinge im Kopf.

In ihrem Job lief es ja gut, und auch mit den Kolleginnen hatte sie sich gut
angefreundet. Aber sie hatte Alex immer noch nichts von ihren Plänen
erzählt, was mittlerweile doch sehr an ihrem Gewissen zerrte. Doch sie
wollte ja auch nicht über „ungelegte Eier“ debattieren und so schwieg sie
weiterhin. Eines Tages aber begleitete ihre Kollegin Susanne sie mit nach
Hause und mitten in einer freundschaftlichen Plauderei erzählte sie ihr,
dass sie durch eine Bekannte von einem dieser Vorstellungstermine gehört
hatte. Aileen beichte ihr also alles und war nun in einer gefährlichen
Zwickmühle. Sie bat ihre Freundin, dass Ganze für sich zu behalten.

Susanne versprach es ihr hoch und heilig und so war die Sache für Aileen
erst einmal wieder erledigt. Zumindest bis zu jenem Tage, als sie zwischen
ein paar Arbeiten, die sie korrigierte eine Nachricht von ihr fand. Dort
stand, dass Susanne bei ihrer Bekannten ein gutes Wort für sie eingelegt
hatte und sie zum nächsten Halbjahr in der örtlichen Privatschule als
Oberstufenlehrerin anfangen könne. Aileen stockte der Atem und sie
wusste nicht, was sie davon halten sollte.

Also versuchte sie in den nächsten Tagen, so unauffällig wie möglich zu
sein, was zum Ergebnis hatte, dass Alex sie bald fragte, ob sie gerade
einen Nervenzusammenbruch vorbereiten würde. „Du läufst hier rum wie
Falschgeld, Liebes.“

Zögerlich erzählte sie ihm von ihren Wünschen und beichtete ihm
schließlich auch alle ihre Heimlichtuereien. Sie schämte sich sehr, ihm so
lange so viel verschwiegen zu haben und fürchtete sich vor seiner
Reaktion.

Er dachte einen Moment lang nach und Aileen hatte fast das Gefühl, ihn
seufzen zu spüren, doch dann sagte er schmunzelnd: „Da versteh´ einer
die Frauen. So viele Sorgen wegen etwas so unwichtigem. Das nächste
Mal sagst Du´s mir einfach gleich, ok?“ Aileen fiel ein ganzes Bergmassiv
vom Herzen, doch sie fragte ihn dennoch verunsichert, ob er ihr denn
nicht böse sei. Er lachte, zog sie näher an sich heran und … sagte … kein
Wort mehr.

Die Familie verlebte ein wundervolles und sehr harmonisches Wochenende
miteinander und am Abend hatten die Kinder es sich wie so oft zum Spielen
noch im Wohnzimmer gemütlich gemacht um noch einige Minuten länger
wach bleiben zu dürfen.

Alex genoss solche Momente sehr und an jenem Abend besonders. Er bat
Aileen zu sich heran und machte ihre Karrierepläne nun endlich öffentlich.
Brian und vor Allem Bethany machten große Augen und gratulierten Aileen
zu ihrer Entscheidung. Doch Aileen wiegelte ab und versuchte, ihnen klar
zu machen, dass das alles ja noch gar nicht endgültig fest stehen würde.

Doch davon wollte anscheinend niemand etwas hören und so entspannte
sie sich wieder und grinste vergnügt in die Runde. Sie stupste ihren Mann
in die Seite: „Na das hast Du ja schön eingefädelt. Was machen wir denn,
wenn es nun gar nichts wird?“ Alex Lachte leise in sich hinein und zog sie
auf seinen Schoß. Dabei umfasste er zielsicher ihren Bauch und flüsterte:
„Och ich denke, zu diesem Halbjahr wirst Du sowieso noch nicht dort
anfangen.“

Aileen´s Augen weiteten sich und sie wisperte: „Woher … aber … Alex,
dass ist doch noch überhaupt nicht sicher!“ Ein Blick in seine Augen verriet
ihr aber, wie sicher er sich war und so versuchte sie auch nicht weiter, ihn
vom Gegenteil zu überzeugen. Sie strahlte ihn aus vollem Herzen an, als
sie erkannte, dass dies für ihn keine böse Überraschung war und schloss
glücklich die Augen, als er sie nun liebevoll an sich drückte.

 

 

Zeiten


Die Zeit verging wie im Fluge und immer öfter hatte besonders Aileen das
Gefühl, ständig und mit Allem hinterherzuhinken.
 

So hatte sie zum Beispiel zwischen ihrer Arbeit, dem Haushalt und der
Kindererziehung fast vergessen, den Kleinen eine Geburtstagsparty zu
organisieren. Doch letzten Endes hatte sie doch noch alles geregelt
bekommen und alle waren zufrieden gewesen. Bonnie und Bradan hatten
sich prächtig entwickelt.
 

Alle vier machten sich ganz gut in der Schule und die jüngeren profitierten
natürlich von ihren älteren Geschwistern, die ihnen meist sehr geduldig mit
Rat und Tat zur Seite standen.
 



Ernsthafte Schwierigkeiten hatte keines der Kinder, doch offenbar benötigte
Bradan zur Erledigung seiner Aufgaben immer ein wenig länger, als seine
Geschwister.
 

An einem Tag saß der arme Junge sogar noch bis Sonnenuntergang über
seinem Buch und lernte. Als Aileen das mitbekam, geriet sie sehr in Sorge.
Sie sprach am Abend mit Alex darüber.
 

Alex wunderte sich zwar etwas, versuchte aber Aileen zu beruhigen und
sagte ihr, das wäre doch sicher nur eine Phase, weil der Stoff im Moment
vielleicht ein wenig viel für den Jungen sei. Und außerdem hatte Bradan
doch gerade erst eine gute Beurteilung bekommen. Doch Aileen kannte den
Stoff ja und erwiderte alarmiert: „Da steckt doch was anderes dahinter.
Was auch immer es ist … so geht das nicht weiter. Der Junge kommt ja
überhaupt nicht mehr an die Luft, geschweige denn, zum Spielen.“
 

Sie machte sich wirklich Sorgen, obwohl Bradan selbst überhaupt nicht
geklagt hatte, oder etwas Ähnliches. Alex gab genau dies zu bedenken und
fürchtete, Aileen übertrieb in dem Punkt wohl wirklich etwas. Er konnte sie
davon abbringen, direkt irgendetwas zu unternehmen und zog sich zurück,
um etwas zu entspannen.
 

Er wollte Aileen nicht so direkt sagen, dass er ihre Reaktion für völlig
überzogen hielt. Doch er war sich sicher, dass mit Bradan schon alles in
Ordnung war. Alex war, trotz der vielen Arbeit, bisher immer gut im Bilde
gewesen, was seine Familie anging und er wunderte sich wirklich über die
unterschiedlichen Wahrnehmungen von ihm und Aileen.
 

Er selbst sah nämlich nicht, dass Bradan über seinen Büchern versauerte.
Ihm schien der Junge durchaus ein ausgeglichenes und fröhliches Leben zu
führen. Er war viel mit seinen Geschwistern zusammen und die vier hatten
anscheinend auch immer Spaß.
 

Aber auch allein machte Bradan nicht den Eindruck, nichts mit sich
anfangen zu können. Er war weder still, noch bedrückt. Kurz um: Es war
alles in bester Ordnung. Im Gegensatz dazu sah es Alex bei seiner Frau
allerdings ein wenig anders.
 

Ihre Schwangerschaft schritt deutlich voran und anders als bei den anderen
beiden, war es ihr diesmal auch auf „hormoneller“ Ebene anzumerken. Sie
reagierte einfach wesentlich emotionaler als sonst und hatte sich
manchmal tatsächlich auch nicht mehr so gut im Griff, wie man es von
Aileen gewohnt war. So hatte sie sich eines Tages, als die Zusage von der
Oberschule kam, sogar nur bedingt gefreut.
 

Sie hatte sich kaum gratulieren lassen und die Überschwängliche Freude
ihrer Kinder schien ihr sogar richtig unangenehm zu sein. Alex wunderte
sich immer mehr über seine Frau, doch plötzlich schien ihm klar zu werden,
was mit Aileen los war. Bisher hatte sie ja den ganzen Tag über ein Auge
auf ihre vier werfen können und hatte dies auch immer sehr gemocht. Doch
in Zukunft würde sie ja nun an einer anderen Schule sein und somit wuchs
offenbar ihre Angst, sich von den Kindern zu entfernen.
 

Als eines Tages die Gelegenheit günstig und die beiden ungestört waren,
sprach er sie darauf an und schilderte ihr seine Gedanken dazu. Aileen
reagierte erst mit leugnen, doch lange konnte sie ihrem Mann nichts
vorspielen. Er konnte ihre unbegründeten Sorgen zwar nicht wegzaubern,
aber immerhin wusste Aileen nun, dass er für sie da war.
 

Sie wusste ja im Grunde selbst, dass ihre Hormone ihr einen Streich
spielten. Doch es tat gut, dass Alex ihr keine Vorwürfe machte und sich
liebevoll um sie kümmerte. So konnte Aileen sich wieder etwas entspannen.
Sie fühlte sich zwar noch immer nicht ganz verstanden, wusste aber
genau, dass Alex immer für sie da sein würde. Er war es auch, der sie
davon überzeugte, dass sie schon jetzt in den Mutterschaftsurlaub gehen
sollte, denn sie konnte etwas Ruhe gebrauchen.
 

Ihre Tagesabläufe gestalteten sich nun natürlich wesentlich beschaulicher.
Nachdem am Morgen alle mit ihrem Frühstück verpflegt waren und die
Kinder schon vom Schulbus abgeholt worden waren, begleitete sie Alex
meist noch vor die Tür, wenn er sich auch auf den Weg machte.
 

Sie mochte dieses kleine Ritual sehr, denn es vermittelte ihr immer wieder
ein wohliges Gefühl. Ihre Gedanken kreisten oft den ganzen Tag um Alex,
denn sie war nicht nur glücklich mit ihm, sondern auch sehr stolz. Er war
erfolgreich im Krankenhaus und gerade neulich erst hatte er sich durch eine
wissenschaftliche Abhandlung eine Beförderung erarbeitet.
 

Er genoss seine neuen Arbeitszeiten natürlich sehr, denn so konnte er
endlich einmal wieder mehr Zeit mit den Kindern verbringen. Alex hatte es
immer sehr bedauert, quasi nur am Wochenende für sie da gewesen zu sein
und freute sich nun sehr auf die gemeinsamen Stunden.
 

Aber die Freude darüber wurde von den Kindern natürlich auch geteilt. Sie
alle liebten ihren Vater sehr, doch besonders Bethany hing an ihm und war,
wann immer sie konnte in seiner Nähe.
 

Auch Aileen nutzte die freie Zeit sehr intensiv mit ihren Kindern und
verbrachte viele Stunden gemeinsam mit ihnen. Alle genossen die heitere
Stimmung in jenen Tagen sehr und hatten viel Spaß.
 

Bonnie war völlig fasziniert von der Schwangerschaft ihrer Mutter und hatte
natürlich viele Fragen. Selbstverständlich gab sich Aileen alle Mühe, ihr
alles zu erklären und bald war Bonnie also bestens über das neue Baby
informiert.
 

Ihre Gedanken kreisten ständig um ihr Geschwisterchen und sie war wirklich
sehr aufgeregt. Sie fand fast gar kein anderes Gesprächsthema mehr und
dachte sich stündlich neue Namen aus.
 

Selbst der Zeitungsjunge wurde nicht von Bonnie´s Enthusiasmus verschont
und musste als Zuhörer und Berater in Namensfragen herhalten.
 

Alex belächelte seine Tochter zwar etwas für ihre überschwängliche Freude,
teilte sie im Stillen doch aber umso mehr. Auch er war schon sehr gespannt
auf den neuen Finlay. Vielleicht war es ihm dieses Mal sogar noch
bewusster, denn an seinen älteren Kindern sah er ja nur zu deutlich, wie
schnell die Zeit verflog.
 

Die beiden hatten sich inzwischen so schnell aus ihrer Kindheit
herausentwickelt, dass Alex manchmal das Gefühl bekam, er hätte doch zu
viel gearbeitet. Natürlich war er stolz auf seine beiden großen, doch auf
der anderen Seite war er auch nicht frei von Wehmut, wenn er die beiden
so betrachtete.
 

Während Brian eher ruhig und introvertiert war und sich meistens mit
ernsthaften Dingen beschäftigte, hatte Bethany offenbar beschlossen, die
ganze Familie mit ihrer Pubertät zu terrorisieren.
 

Und dabei war der Lautstärkepegel aus ihrem Zimmer bei weitem nicht das
einzige, was Bethany sich auf ihr Programm geschrieben hatte …
 
 

Müde Mütter und Erfolgsmänner
 

Obwohl Aileen zu dieser Zeit oft sehr unter Bethany´s Launen zu leiden
hatte, rief sie sich ihre eigene Teenagerzeit in Erinnerung und wusste daher
genau, dass es für ihre Tochter momentan ja auch nicht gerade leicht war.
 

Der Schulwechsel war dem Mädchen schwer gefallen und sie musste jetzt
deutlich härter für ihren guten Notendurchschnitt arbeiten. Außerdem war
es für Bethany nicht leicht, schnell Anschluss an die anderen Mitschüler zu
finden.
 

Und wenn sie dann darüber sprach, war sie immer sehr überempfindlich und
fühlte sich von aller Welt missverstanden. Besonders von Brian, der im
Gegensatz zu ihr sehr froh war, seine Ruhe vor „diesen Idioten“ zu haben.
 

Er verbrachte seine Zeit lieber mit den Kleinen und hatte keinerlei Antrieb,
sich großartig um seine Mitschüler zu scheren.
 

Er war völlig damit zufrieden, in der Schule einfach nur zu lernen und
ansonsten seine Freizeit als „großer Bruder“ zu gestalten. Bonnie und
Bradan genossen das natürlich sehr und so hingen die drei die meiste Zeit
also zusammen und spielten.
 

Aber auch, wenn Brian zum Beispiel noch an seinen Hausarbeiten arbeitet,
störte es ihn nicht, wenn die beiden bei ihm waren. Es gab wirklich nur
wenige Momente, wo er tatsächlich einmal seine Ruhe haben wollte. Bei
Bethany war das anders.
 

Sie schmollte zu jener Zeit am liebsten und war auch sonst eigentlich lieber
alleine. Es war zwar nicht so, dass sie sich mit den anderen stritt, aber
besonders gerne war sie einfach nicht mit ihnen zusammen. Bonnie traf das
natürlich schon schwer, denn sie bewunderte ihre Schwester sehr.
 

Sie schlawenzelte oft um Bethany herum und suchte ihre Nähe, was
Bethany wiederum furchtbar nervte. Bonnie fand, dass ihre Schwester „das
coolste Mädchen der Welt“ war und wollte alles genauso machen, wie ihr
Idol.
 

Irgendwann musste dann sogar Bethany schmunzeln und ließ sich von ihr zu
einem kleinen Spiel überreden. Immerhin, so dachte sie sich, konnte Bonnie
ja nichts dafür, dass sie noch ein solches Baby war.
 

Aileen und Alex beobachteten diese Entwicklungen natürlich und jeder
sorgte sich auf seine Weise um Bethany. Alex musste Achselzuckend
zugeben, dass er ebenso gut eine Marsianerin in seinem Haus haben
könnte, denn er verstand sie einfach nicht. Ja, er brachte ihr Verständnis
entgegen und zeigte dies auch stets deutlich. Aber oft war er einfach
ratlos und sah seine Frau fragend an, als ob sie es ihm übersetzen sollte.
 

Aileen tat ihr bestes, doch leider mussten beide zugeben, dass sie sich zu
jener Zeit auch nicht wirklich ausschließlich auf Bethany konzentrieren
konnten. Aileen´s Schwangerschaft neigte sich ihrem Ende zu und eines
schönen Tages setzten die Wehen ein.
 

Kein Familienmitglied war inzwischen noch überrascht, dass es wieder
Zwillinge geworden waren und so fanden sich natürlich auch dieses Mal
wieder ein paar Namen.
 

Aileen und die beiden Babies waren wohlauf und kamen bald wieder aus dem
Krankenhaus zurück. Und da Alex noch schnell die letzten Kleinigkeiten im
neuen Kinderzimmer erledigt hatte, war nun auch alles bereit für die beiden.
 

Es war ein sehr seltsames Gefühl für Aileen, wenn sie nun mit den
Winzlingen alleine war, denn sie hatte etwas Wichtiges mit ihrem Mann zu
besprechen, was ihr schon während der Schwangerschaft oft durch den
Kopf gegeistert war.
 

Schon bald ergab sich eine ruhige Minute und sie sagte Alex, dass sie keine
weiteren Kinder mehr haben wolle. Alex war überrascht und sah sie lange
an, bevor er sagte: „Aber es ist doch alles gut gelaufen bisher. Du bist
gesund und …“ „Jung? Nein mein Schatz, das bin ich nicht. Ich bin nicht
mehr jung und eigentlich bin ich sogar schon ganz schön alt.“ Sie sagte es
zwar mit einem Schmunzeln, doch Alex hörte genau dieses kleine Beben in
ihrer Stimme.
 

„Aileen Du bist doch nicht alt. Wie kommst Du nur auf so etwas? Du bist
wunderschön und noch genauso bezaubernd, wie bei unserer Hochzeit. Und
glaube mir, wenn ich Dich so anschaue, denke ich an vieles … doch
garantiert nicht an Dein Alter.“ Die eindeutige Zweideutigkeit in seinem
Blick ließ Aileen lachen, doch sie beherrschte sich und sagte: „Nun …
vielleicht bin ich also doch nicht alt. Aber … müde. Ich will mich ja gar nicht
beklagen, aber so langsam habe ich das Gefühl, das es einfach reicht.
Weißt Du in ein paar Tagen werde ich wieder arbeiten gehen und es wird
mir wieder das Herz brechen, die Babies alleine zu lassen. Und dazu kommt
noch die Sorge um Bethany, um die ich mich auch nicht richtig kümmern
kann, weil die Kleinen mich mehr brauchen und … soll ich weiter reden?“
 

Nein, sie musste nicht mehr sagen. Alex verstand. Er zog sie sanft zu sich
heran und schloss sie beruhigend in seine Arme, während er ihr versicherte,
dass er sie noch mehr unterstützen wolle und außerdem auch ihrem
Wunsch respektieren würde. Doch als er das Zimmer verließ und seine
beiden Jungs anschaute, war er trotzdem etwas wehmütig. Es würden
seine letzten Babies sein.
 

Um sich etwas abzulenken ging er in sein Arbeitszimmer und arbeitete etwas
an seiner neuen wissenschaftlichen Arbeit weiter. Er feilte schon eine
ganze Weile daran und hoffte, damit einen begehrten Preis zu ergattern. Er
hatte sich in der letzten Zeit recht gut im Krankenhaus profiliert und so war
es neulich erst zu einem interessanten Zwischenfall gekommen.
 


Alex war einfach eine treue Seele und freute sich natürlich, dass die
Personalchefin dies so zu würdigen wusste. Und ohne darauf spekuliert zu
haben, kam er durch seine Entscheidung doch zu der Anstellung als
Chirurg.
 

Und als ob dies alles nicht schon genug Grund zur Freude gewesen wäre,
konnte Alex nun auch bald seine Arbeit veröffentlichen. Eine Welle der
Begeisterung ging durch die Fachwelt und Alex wurde von allen Seiten
bewundert und gefeiert. Er erhielt den wichtigen Preis und eine satte
Prämie noch dazu.
 

Das Geld wurde sorgfältig und bedacht angelegt. Aber auch die Kinder
durften bei diesem außergewöhnlichen Geldregen ein paar Wünsche äußern.
So wurde zum Beispiel neben einer professionellen Gartengestaltung auch
ein Pool angeschafft, den sich alle schon lange gewünscht hatten.
Außerdem hatten sich Bonnie und Bradan schon eine ganze Weile eine neue
Spielekonsole gewünscht, die sie nun geschenkt bekamen.
 

Es zeigte sich schnell, dass auch Brian ein immer stärkeres Interesse an
Videospielen entwickelte. Und er schien auch eine bisher verborgen
gebliebene Begabung dafür zu haben, denn er gewann eigentlich fast
immer. Irgendwann sagte Bradan im Scherz zu ihm, dass er nicht mehr mit
ihm spielen wolle, weil er ja schon ein richtiger Profi wäre. Brian dachte
einen Moment darüber nach und fasste einen Entschluss.
 

Vorsichtshalber fragte er Alex noch um Erlaubnis, aber da Brian´s Noten
einfach traumhaft waren und er auch sonst keine Gegenargumente
vorbringen konnte, willigten die Eltern ein und Brian nahm den Job an.
 

Er war natürlich ziemlich stolz auf sich und auch sehr aufgeregt, als er am
nächsten Tag zur Arbeit abgeholt wurde. Um ehrlich zu sein, hatte er sogar
ein wenig Mühe, sich sein dämliches Grinsen zu verkneifen, als er ins Auto
stieg.
 

Erwartungsgemäß machte ihm sein Nebenjob viel Spaß und er feilte von nun
an sehr intensiv an seinen Techniken und Fähigkeiten.
 

So verschaffte er sich schon recht schnell einen gewissen Ruf und es
dauerte nicht lange, bis er das erste Mal ernsthaft herausgefordert wurde.
 

Er zögerte nicht …
 


Natürlich war er mächtig stolz auf sich. Aber da er nun nicht gleich völlig
abheben wollte investierte er seine Prämie gleich wieder in ein paar
Upgrades, um sich auf die nächsten Herausforderungen bestmöglich
vorbereiten zu können.
 

Er engagierte sich in den nächsten Wochen wirklich sehr für seinen Job und
strengte sich auch auffallend stark an. So sehr, dass Aileen schon
befürchtete, er könnte wichtigere Dinge darüber schleifen lassen. Immer
deutlicher wurde ihr, wie sehr sich ihr Sohn in der virtuellen Welt
verstrickte. Doch Brian schwamm weiter auf Erfolgskurs.
 

Er war überglücklich und sah natürlich keinerlei Grund, seine Aktivitäten
einzuschränken. Für ihn hätte es ewig so weitergehen können, denn er war
der felsenfesten Überzeugung hier nun den perfekten Job für sich gefunden
zu haben.
 

Und mit der Zeit war Brian auch wirklich sehr von sich überzeugt und hielt
sich sogar für unbesiegbar. Er dachte, ihm könne nun so schnell niemand
mehr etwas vormachen und strotzte nur so vor Selbstbewusstsein.
 

Doch dann geschah etwas, womit Brian wirklich nicht gerechnet hatte.
 

Fassungslos starrte Brian auf den Bildschirm und konnte nicht glauben, was
dort eben geschehen war. Besiegt? Er? Er räusperte sich und atmete tief
durch, um sich zu beruhigen. Doch so sehr er es sich wünschte, er konnte
es nicht ungeschehen machen und musste nun mit diesem Erlebnis
zurechtkommen.
 
 
 

… ausgebrannt


Es fiel Brian nicht leicht, mit diesem Rückschlag umzugehen, denn er
empfand es nicht nur als berufliche Niederlage. Er war vielmehr in seinem
Stolz verletzt und spielte sogar mit dem Gedanken, seinen Job völlig an den
Nagel zu hängen. Tatsächlich mied er in den folgenden Tagen seinen
Computer und stürzte sich geradezu in andere Arbeiten.
 

Es war mehr als deutlich, dass er sich angestrengt von dieser Sache
ablenken wollte. Doch da er nicht von sich aus seinen Eltern oder
Geschwistern gegenüber mit der Sprache herausrücken wollte, beschlossen
seine Eltern, ihn in der Angelegenheit auch nicht zu drängen. Besonders
Alex ermahnte seine Frau, dem Jungen seine Ruhe zu lassen: „Er ist doch
kein Baby mehr, Schatz. Wenn er wirklich nicht zu Recht kommt, meldet er
sich schon.“
 

Widerwillig musste Aileen sich eingestehen, dass Alex durchaus Recht hatte
und so wandte sie sich zunächst erst einmal wieder ihren Kleinsten zu. Sie
genoss die Zeit mit ihnen sehr, denn besonders in diesen Tagen hatte sie
das dringende Bedürfnis, sich gebraucht zu fühlen. Ihre großen Kinder
schienen Aileen einfach viel zu schnell erwachsen werden zu wollen.
 

Brian durchlebte offenbar momentan so etwas wie eine verfrühte Sinnkrise
und war nicht sonderlich gut gelaunt und Bethany … Bethany zog sich
auch, wann immer es ging zurück und ging ihren eigenen Interessen nach.
 

Nach einem missglückten Versuch, die, Bethany´s Meinung nach in
Crandayle nicht vorhandene, Clubszene zu erkunden, war sie frustriert
nach Hause gekommen und tagelang noch schlechter gelaunt durchs Haus
geschlurft.
 

Von da an kam das Mädchen eigentlich kaum noch aus ihrem Zimmer heraus
und feilte geradezu verbissen an ihren künstlerischen Fähigkeiten. Da sie ja
schon immer eine ausgeprägte kreative Ader hatte, war es nicht
verwunderlich, dass sie in diesen Aktivitäten völlig aufblühte.
 

Auch objektiv betrachtet hatte Bethany durchaus Talent und es dauerte
nicht lange, bis auch ihren Lehrern ihr ungenutztes Potential auffiel. Sie
regten das Mädchen an, sich stärker an den musikalischen Angeboten der
Schule zu engagieren und nach einigem Zögern stimmte Bethany dann zu.
 

Sie fand sogar mehr Gefallen daran und versuchte sich bald auch an
anderen Instrumenten. Aileen und Alex sahen diese Entwicklung natürlich
mit Freude, denn hier schien ihre Tochter nun endlich etwas gefunden zu
haben, dass ihre Leidenschaft weckte.
 

Sie unterstützten sie und kauften ihr eine eigen Gitarre, damit sie auch zu
Hause weiter üben konnte. Es war zwar nicht die von Bethany erhoffte
Ibanez, aber sie freute sich dennoch sehr und dankte es ihren Eltern mit
einer stürmischen Umarmung, die den beiden fast die Luft raubte. Lange
hatten sie ihre Tochter nicht mehr so fröhlich gesehen.
 

Und so wurde der Alltag der Finlay´s nun oft durch das Gedudel von
Bethany begleitet. Meistens dauerte es zwar nicht lange, bis sie dem
Instrument die richtigen Töne entlockte, doch eigentlich waren alle ganz
froh darüber, das sie eben nicht auf einer elektrisch verstärkten Gitarre
übte.
 

Doch wenn Bethany dann das aktuelle Stück richtig gut beherrschte,
freuten sich besonders Bradan und Bonnie darüber, denn sie hatten sich ein
paar neue Spiele ausgedacht, die ihrer Meinung nach am besten mit einem
Soundtrack funktionierten.
 

Als Bethany eines Tages davon hörte, reagierte sie erstaunlich umgänglich
und scherzte: „Oh? Na dann muss ich mich wohl mehr anstrengen, sonst
kommt ihr mit euren Abzählreimen ja nie zu Potte …“
 

Die beiden freuten sich sehr und berichteten Bethany aufgeregt von den
Feinheiten ihrer Spiele. Es war nicht zu übersehen, wie froh sie über das
Interesse ihrer Schwester waren. Aber auch Aileen fiel regelrecht ein Stein
vom Herzen, als sie nun endlich wieder einmal das Gefühl hatte, Bethany
würde sich aus ihrem Schneckenhaus heraus begeben. Für Aileen selbst
begann nun bald wieder der Arbeitsalltag.
 

Auch jetzt fiel es ihr wieder schwer, den Gedanken an ihre Kinder zumindest
für ein paar Stunden beiseite zu schieben. Sie hatte sogar das Gefühl, dass
es ihr dieses Mal erheblich schwerer fiel. Sie widmete sich ihren Aufgaben
in den ersten Tagen nur halbherzig und sehnte den Feierabend wie noch
nie zuvor herbei.
 

Und wenn sie dann endlich zu Hause war, ging ihr erster Gang natürlich zu
den Babies. Noch nie hatte ihr Gewissen sie so sehr geplagt und sie
überlegte ernsthaft, ob sie ihren Job nicht kündigen sollte. Die Kleinen
wuchsen rasend schnell und als ihr Geburtstag näher rückte, war Aileen
fast am Ede ihrer Kräfte angelangt.
 

Zu dieser Zeit waren gerade die Halbjahreszeugnisse zu schreiben und
Aileen war beruflich wieder einmal sehr eingebunden. Und es schmerzte sie
sehr, dass so viele der wichtigen Aufgaben einer Mutter nun zwangsläufig
von anderen Familienmitgliedern übernommen werden mussten.
 

So hatte Brian, der inzwischen wieder zu seiner alten Gelassenheit
zurückgefunden hatte, sich zum Beispiel als hervorragender
Mittagsbetreuer hervorgetan. Er kümmerte sich jeden Tag liebevoll um die
Kleinsten, bis sein Vater aus dem Krankenhaus zurück war.
 

Alex wiederum nahm sein Versprechen an Aileen sehr ernst und versuchte
sein Möglichstes, um ihr helfend unter die Arme zu greifen. Aileen hätte
froh und glücklich darüber sein können, dass alles so gut zu laufen schien.
Doch dem war nicht so. Sie fühlte sich schlecht und hatte sehr unter ihrem
Gewissen zu leiden. Selbst, als sie nun befördert wurde, schien dies ihr
Dilemma nur zu vergrößern.
 

Sicher, die neuen Arbeitszeiten kamen ihr sehr entgegen und auch die
neuen Aufgaben hatten ihren Reiz. Doch Aileen kam es regelrecht so vor,
als wäre sie im falschen Film. Objektiv betrachtet hatte sie eine
ansehnliche Karriere und hätte sehr stolz auf sich sein können. Aber im
Inneren war Aileen todunglücklich.
 

Es dauerte nicht lange, bis Alex bemerkte, wie still Aileen wurde und so
versuchte er natürlich, sie aufzuheitern und auf andere Gedanken zu
bringen. Er gab sich große Mühe und arrangierte zum Beispiel einen
schönen, und vor Allem ungestörten Abend für die beiden, damit sie sich
mal wieder so richtig entspannen konnte.
 

Und da sie ihm ja noch nichts von ihren immer trüber werdenden Gedanken
erzählt hatte, schienen ihm seine Bemühungen ja auch erfolgreich zu
verlaufen. Zumindest in jenen Momenten machte Aileen wirklich den
Eindruck, entspannt und glücklich zu sein.
 

Und das war sie auch. Sie spielte ihm nichts vor, denn das hätte sie wohl
auch gar nicht gekonnt. Und vielleicht sagte sie ihm auch nichts von ihren
Sorgen, weil sie selbst annahm, dass sich dieser Zustand bald wieder
normalisieren würde. Doch dem war leider nicht so und viel zu schnell holte
der Alltag Aileen wieder ein.
 

Müde und missmutig verließ sie täglich das Haus, ohne sich an ihrem
eigentlich schönen Leben freuen zu können. In ihrer Arbeit erntete sie
stets Lob und auch Anerkennung, aber in Aileen´s Ohren klang das alles
nur noch hohl. Und als sie dann eines Tages mit einer Beförderung nach
Hause kam, war sie wirklich am Ende und brach fast buchstäblich
zusammen.
 

Sie verschwand wortlos in ihrem Schlafzimmer und ließ ihren Tränen freien
Lauf, ohne zu wissen, woher diese kamen. Sie legte sich kraftlos auf ihr
Bett und fühlte sich wie gelähmt. Zusammengekauert fand Alex sie später
vor und eilte besorgt zu ihr. Als er sie zunächst getröstet hatte und sie
wieder etwas ruhiger war, fragte er natürlich, was geschehen sei.
 

Und endlich erzählte Aileen ihm von ihren Sorgen und Gefühlen. Es war
befreiend. Und, obwohl sie noch immer nicht genau sagen konnte, woher
ihre Unzufriedenheit rührte, hatte sie doch die leise Hoffnung, dass Alex ihr
beistehen würde. Alex hatte ihr doch auch bisher immer helfen können und
sie hoffte sehr, dass er nun auch hier eine Lösung finden würde.