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Warum? ... darum!
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Familie Morales

[Generation.Woche.Episode]


I.3.1 Schulmädchen und Terror-Todler
I.3.2 A + A =
I.3.3 Der Teeny in Dir
I.3.4 Brave Mädchen ... böse Mädchen!
I.4.1 Prince Charming
I.4.2 Sommergewitter
I.4.3 ... dicker als Wasser

 

 

Schulmädchen und Terror-Toddler
 

Nachdem sich die kleine Familie mit dem Umzug herumgeschlagen hatte,
waren alle froh, nun endlich ein schönes Haus gefunden zu haben und Alicia
tat ihr bestes, das neue Haus nun schön gemütlich einzurichten. Dies
lenkte sie auch gleich etwas von ihren Sorgen ab, denn sie hatte
tatsächlich ein wenig Angst, dass den Kindern der Wechsel schwer fallen
könnte.

 

Immerhin hatten die Zwillinge ja gerade erst angefangen gehabt,
Freundschaften zu schließen und besonders für Benita schien dies nicht so
leicht zu sein. Alicia und ihr Mann hatten bemerkt, dass Benita ganz
offensichtlich die schüchterne von den beiden war. Doch so sehr Alicia es
wollte, sie konnte ihr den Start in der neuen Schule nicht ersparen.

 

Der Gedanke an ihr Mädchen begleitete sie den ganzen Vormittag, auch
wenn sie natürlich selbst auch gleich anfing, neue Kontakte zu knüpfen.
Das fiel ihr nicht schwer, denn sie wohnten in einer recht belebten Straße,
wo eigentlich immer mal jemand vorbeikam. Und so lernte sie bei ihren
täglichen Gängen oft einen Nachbarn kennen.

 

Doch Alicia hatte sich überlegt, dass sie die Zwillinge ja vielleicht in einem
Verein anmelden könnten, um so dabei helfen zu können, dass die beiden
sich schnell einleben würden. Entsetzt musste sie allerdings feststellen,
dass die Aufnahmegebühren der Crandayleler Jugendangebote immens hoch
waren. Ärgerlich zerknüllte sie die Zeitung und feuerte sie in die Mülltonne.
Abelino verdiente zwar nicht schlecht, aber solche Preise waren einfach
irrwitzig.

 

Doch als sie am Nachmittag den Schulbus hörte und draußen die Mädchen
gerade über ihren Vater herfielen, hörte Alicia beruhigt, wie beide aufgeregt
von ihren neuen Klassenkameraden erzählten. Ihre Sorgen schienen also
unbegründet gewesen zu sein und Alicia war sehr erleichtert.

 

Meistens verschwand Benita direkt im Kinderzimmer und erledigte fleißig ihre
Hausaufgaben. Ja, man möchte fast meinen, sie stürzte sich darauf. Doch
was hätten Abelino und Alicia wohl dagegen haben können? Sie sahen es
mit Freude, dass Benita sich als so strebsam erwies und besonders Abelino
lobte sie dafür auch oft.

 

Er selbst gönnte sich nach Feierabend oft erst einmal einen kleinen
Knuddel-besuch bei seinem Sohn. Dies entspannte ihn immer, denn der
kleine Bembe war ein wirklich liebes Baby und machte seinen Eltern
eigentlich immer Freude. Und Abelino war ja sowieso ein „Vollblutvater“.

 

Er hatte immer ein offenes Ohr für seine Lieben und Alicia beobachtete
schon eine Weile, dass besonders Belinda sich sehr an ihm orientierte und
seine Nähe suchte. Oft vertraute sie ihm dann ihre exklusivsten
Geheimnisse an und die beiden schmiedeten Pläne.

 

Überhaupt schienen die Mädchen in ihrem Vater einen perfekten
Spielkameraden zu finden. Manchmal war Alicia sogar ein wenig neidisch
darauf, denn sie war am Abend doch manchmal einfach zu müde für solche
Späße, weil Bembe tagsüber nun einmal nicht immer ein Quell der
Entspannung war.

 

Inzwischen hatte er nämlich seine pure Niedlichkeit hinter sich gelassen und
hielt Alicia ganz schön auf Trab. Nicht nur, dass er gerne den halben Tag
damit verbrachte, sein Spielzeug strategisch im Haus zu verteilen.

 

Er hatte sich heimlich auch zu einem absoluten „Hochstuhlterroristen“
entwickelt. Wann immer Alicia versuchte, ihn zu füttern, explodierte er
förmlich und hinterließ immer wieder ein Schlachtfeld.

 

Meistens nahm Alicia das alles aber mit einem Lächeln hin, denn sie konnte
ihrem Schatz natürlich nicht böse sein. Obwohl er sich manchmal doch
durchaus von seiner garstigen Seite zeigte.

 

Zum Beispiel mochte er es gar nicht, wenn Alicia versuchte, ihm mit besten
Absichten und daher auch relativ beharrlich, etwas beizubringen.

 

Der kleine Bembe lief dann knallrot an und wehrte sich mit Händen und
Füßen gegen jedwede Erziehungsmaßnahme.

 

Eigentlich wollte Bembe den lieben langen Tag nur spielen und setzte seinen
Willen dann auch immer durch.

 

Aber er war ja kein Satansbraten dabei. Im Gegenteil, er war sogar ein sehr
lieber Junge. So lange alles nach seinem Willen ging. Dann war er sogar
ausgesprochen verschmust und war kaum von Alicia´s Armen herunter zu
bekommen.

 

Erst wenn dann am Nachmittag die Ablösung nach Hause kam, fand Alicia
dann auch ein wenig Zeit für sich. Den Krach der Kinder blendete sie dann
meistens ein paar Momente lang aus und gönnte sich ein paar Seiten ihrer
Lieblingsbücher.

 

Sie genoss diese wenigen Minuten sehr, brauchte sie aber auch. Andernfalls
wäre Alicia der ganze Trubel sicher bald über den Kopf gewachsen. Doch
mit ihren kleinen Auszeiten schien Alicia das Leben doch wesentlich
angenehmer. Außerdem wusste sie ja, dass die beiden Mädchen sich immer
gerne mit Bembe beschäftigten. Überhaupt hatten die beiden sich sehr gut
in Crandayle eingelebt und auch aus der Schule kamen keine Klagen. Im
Gegenteil …

 

Die beiden waren unzertrennlich und verbrachten wirklich sehr viel Zeit
miteinander. Sie erledigten zum Beispiel zusammen ihre Hausaufgaben,
wobei Benita ihrer Schwester immer sehr half.

 

Benita war einfach besser in der Schule, wobei Belinda in der Beziehung
wohl anscheinend auch nicht allzu große Anstrengungen unternahm. Sie
machte sich sogar oft darüber lustig, wenn Benita immer so freundlich zu
allen Lehrern war. Belinda störte sich aber nicht daran und schloss sogar
die Schulbusfahrerin in ihr kleines Herz.

 

Belinda ging nicht ganz so gerne zur Schule, erledigte aber auch dies immer
gewissenhaft. Was ihrer Schwester regelrechte Jubelstürme entlockte, war
für Belinda nicht mehr als eine Pflicht.

 

Ganz anders gestaltete sie demzufolge natürlich auch ihre Freizeit anders,
als Benita. Sie liebte es, sich an Alicia´s Staffelei zu probieren und war
überglücklich, dass ihre Mutter keine Einwände dagegen hatte.

 

Doch spätestens am Abend trafen sich die beiden Mädchen immer zu ihrem
Geheimen Kriegsrat in ihrem Zimmer ein, denn dann galt es, sich
gegenseitig die neuesten Neuigkeiten und Geheimnisse zu verraten. Die
beiden gackerten und spielten oft noch so lange, bis Abelino zu ihnen
gehen und sie zur Ordnung rufen musste.

 
 
 

A + A = ♥
 

Abelino betrachtete die Entwicklung seiner Familie mit zunehmender
Begeisterung. Nicht, dass er vorher unzufrieden war. Es war für ihn eher
so, dass alles immer besser und besser zu werden schien. Wenn er morgens
zur Arbeit ging, schaute er meist noch einmal glücklich zu seinen Mädchen
zurück, wie sie im Schulbus verschwanden. Er war wirklich sehr zufrieden.

 

Und er hatte ja auch allen Grund dazu, denn nicht nur in seinem Hause
herrschte eine gute Stimmung. Auch in seinem Berufsleben ging es bergauf.

 

Natürlich brachte der neue Posten gewisse Gefahren mit sich und Alicia
hatte doch starke Bedenken geäußert. Aber Er hatte sie bald beruhigen
können, denn immerhin war es auch nicht gefährlicher, als sein
Streifendienst. Alicia fiel es schwer, ihm zu glauben, doch letztlich konnte
sie ihn ja sowie nicht davon abbringen. Stattdessen genossen die beiden
lieber Abelino´s Provision und kauften sich einen Whirlpool.

 

Abelino kannte seine Frau bestens und hatte genau gewusst, dass er damit
punkten würde, denn insgeheim hatte Alicia sich schon lange etwas so
luxuriöses gewünscht. Sie hatte niemals irgendwelche Anforderungen an
ihren Mann gestellt und war generell sehr genügsam.

 

Doch das Leuchten in ihren Augen versicherte Abelino, dass er mit diesem
Geschenk genau richtig gelegen hatte. Er liebte es, seine Frau zu
verwöhnen. Vielleicht gerade weil sie eben nichts forderte.

 

Und ganz nebenbei entdeckte er, welche Vorteile ein solch entspannender
Ort dann indirekt auch für ihn selbst mit sich brachte.

 

Doch die Beförderung war noch nicht ganz vom Tisch und Alicia hakte nach
und es brauchte doch einiges an Überzeugungskraft, sie in der Beziehung
milde zu stimmen. Abelino hatte keineswegs vor, seine Karriere an diesem
Punkt zu beenden. Er hatte es ihr noch nicht gesagt, aber ihn hatte
inzwischen der Ergeiz gepackt.

 

Nicht mehr so sehr des Geldes wegen strengte er sich nun an, sondern
vielmehr, weil er in seinem Job jetzt wirklich hoch hinaus wollte. Um das zu
erreichen hatte er sogar das Undenkbare getan. Er hatte sich von seinem
Zopf getrennt! Das mag für Außenstehende eine Lappalie sein, aber jeder,
der Abelino kennt, weiß, wie sehr er an seiner Frisur gehangen hat.
Jahrelang hatte er sie gehegt und gepflegt und war nun eines Tages mit
einem neuen Haarschnitt nach Hause gekommen.

 

Nachdem sich der alltägliche Tumult gelegt hatte stand er unsicher vor dem
Spiegel und zweifelte an der Richtigkeit seiner Entscheidung.

 

Alicia verkniff sich ihre scherzhaften Bemerkungen und kümmerte sich
liebevoll um ihren Mann. Er brauchte wirklich Zuspruch an diesem Abend
und Alicia sagte ihm wahrheitsgemäß, dass sie ihn immer noch mehr als
ansehnlich fand.

 

Er lachte und versuchte, sich für sein „mädchenhaftes“ Verhalten zu
entschuldigen, doch davon wollte sie nichts hören. Sie selbst hatte sich in
den Jahren doch auch ganz schön verändert und daran hatte er sich ja
auch nicht gestört.

 

Sie wusste ja nicht, oder nein … Sie glaubte ihm ja nicht, wie sehr er sie
vergötterte. Und auch an jenem Abend sah Abelino seine Frau an und fand
an ihr nichts, was er nicht aus ganzem Herzen liebte. Abelino tat sein
bestes, ihr das auch zu zeigen.

 

Er liebte sie nicht nur, weil sie ihm eine wunderbare Frau war und ihm jeden
Wunsch von den Lippen ablas.

 

Er liebte sie, weil er seine Stunden mit ihr so sehr genoss und wirklich alles
am liebsten mit ihr zusammen unternahm. Sie war seine beste Freundin und
Vertraute.

 

Er liebte sie, weil sie ihm eine Familie geschenkt hatte und eine liebevolle
Mutter war. Sie verlor nie die Geduld mit der Rasselbande und er hatte
noch nicht ein einziges Mal gehört, dass sie sich beschwert hatte. Wegen
was auch immer …

 

Und auch dafür liebte er sie, denn sie war diejenige, die ihm den Rücken
stärkte und die vielen alltäglichen Sorgen einfach und scheinbar mühelos
bewältigte. Abelino liebte seine Frau.

 

Er liebte sie wegen all ihrer verborgenen und geheimen Talente. Doch am
meisten liebte er seine Alicia, weil sie ganz einfach so war, wie sie war.

 
 
 

Der Teeny in Dir



Das Familienleben ging zu dieser Zeit seine gewohnten Bahnen. Abelino
verbrachte zwar deutlich mehr Zeit mit sportlicher Ertüchtigung, aber Alicia
dachte sich, dass dies sicher mit dem neuen Job zu tun hatte. Schließlich
war er ja nun Teamchef und musste natürlich superfit sein.



Eines Tages stellte sie lachend fest, dass sein „Turmfimmel“ anscheinend
ansteckend sein müsse, denn auch Belinda war auf einmal wesentlich …
aktiver.



Eigentlich waren diese kleinen Hüpfattacken aber das Resultat von ihrer
neusten Leidenschaft. Piratengeschichten. Diese verschlang das Mädchen
geradezu und hatte eigentlich ständig ein Buch zur Hand.



Und wenn dort gerade geentert wurde, übertrug Belinda das natürlich gleich
ins Wohnzimmer. Aber ansonsten lief alles normal.



Die Mädchen verbrachten immer noch viel Zeit miteinander, während Bembe
friedlich nebenan spielte und sich ausnahmsweise einmal selbst
beschäftigte.



Alicia beobachtete allerdings jeden Morgen besorgt ihren Mann, wenn er
sich auf den Weg zur Arbeit machte. Sie hatte mehr Angst um ihn, als sie
zugeben konnte und schreckte tagsüber bei jedem Klingen furchtbar auf.



Vor Allem, nachdem er ihr eines Abends einmal von einem spektakulärem
Einsatz erzählt hatte.



Sie hatte erschrocken den Atem angehalten, doch er erzählte fröhlich
weiter.



Alicia war wütend auf ihn, weil er aus der Geschichte einen richtigen Krimi
gemacht hatte. Sie schnaubte ihn an: „Und jetzt kommst Du Dir richtig toll
vor, ja?“ Entgegen ihrer Erwartung erntete sie schallendes Gelächter und er
lehnte sich schelmisch zu ihr nach vorne, als er ihr das Beste verriet.



Alicia starrte ihn ungläubig an und ihr fehlten tatsächlich die Worte. Sie
hatte Angst, dass er ihr ihren kleinen Ausbruch von eben übel nehmen
würde, doch er zog sie zu sich und grinste sie zufrieden an.



Er ließ sich gebührend feiern und freute sich auf seinen neuen Aufgaben. Die
Zeit verging wie im Fluge und er hatte sich bald an seine neue Position
gewöhnt. Da er dadurch ziemlich abgelenkt war, kam es ihm sehr plötzlich
vor, als sein Junge nun alt genug für die Schule wurde.



Bembe war inzwischen ziemlich gewachsen und natürlich auch immer
selbstständiger geworden. Auch Alicia betrachtete seine Entwicklung
staunend. Doch sie wurde zu jener Zeit mehr von den Zwillingen
beansprucht, denn Benita hatte endlich eine richtige Freundin gefunden.



Bethany kam seit neustem öfters zum spielen vorbei und die Mädchen
verstanden sich wirklich sehr gut. Alicia unterstützte diese Freundschaft
natürlich und kümmerte sich gerne um Bethany.



Alle waren zufrieden und das Familienleben konnte man wirklich als absolut
harmonisch beschreiben. Wie immer, wenn alles bestens läuft, verging auch
für diese fünf die Zeit rasend schnell und bald kündigte sich für die
Mädchen ein Schulwechsel an. Sie hatten ihre Grundschulzeit hinter sich
gebracht.



Die beiden Mädchen gewöhnten sich natürlich schnell in der neuen Schule
ein, wobei sich auch hier wieder ein vertrautes Schema abzeichnete.
Diesmal sogar noch deutlicher.



Für Benita war die Highschool ganz klar nur ein weiterer Schritt auf ihrem
Weg ins College, wohingegen Belinda es verstand, sich die Zeit mit ihren
Mitschülern so angenehm wie möglich zu gestalten. In ihrer kleinen Welt
waren Noten bei weitem nicht so wichtig, wie zum Beispiel die neuesten
Tanzschritte.



Doch Belinda entwickelte durchaus auch andere Talente. So war es ihr zum
Beispiel ein leichtes, andere für etwas zu begeistern. Und so konnte sie ihre
Schwester dann doch gelegentlich von der Arbeit weglocken.



Schulische Probleme hatten beide nicht. Benita war natürlich eine echte
Musterschülerin, aber auch Belinda erhielt passable Noten. Alicia und
Abelino hatten also keinen Grund zur Sorge. Sie hatten das Gefühl, die
beiden würden sich ganz gut dort machen und sahen es mit Freude, dass
nun immer öfter auch Mitschüler nach Hause eingeladen wurden.



Alicia allerdings wunderte sich bald, als zufällig einmal ein Gespräch
zwischen Belinda und ihrer Freundin mitbekam. Es ging … natürlich … um
Jungs und das allein wäre nicht weiter erwähnenswert gewesen. Doch
Belinda schien in diesen Dingen eine sehr antiquierte Ansicht zu vertreten,
was Alicia hellhörig werden ließ.



Belinda half ihr sehr im Haushalt und war dabei immer besonders ordentlich
gewesen. Alicia hatte sich natürlich nichts weiter dabei gedacht und sich
sogar sehr darüber gefreut.



Aber irgendwann kam ihr dieser unerklärliche Enthusiasmus dann doch
verdächtig vor und sie stellte das Mädchen beim Essen zur Rede.



Geradeheraus antwortete Belinda: „Weißt Du, Mom … ich habe eine
Entscheidung getroffen. Ich suche mir einen erfolgreichen Mann und werde
dann Hausfrau. Mit Arbeit verdirbt man sich doch bloß den Spaß!“



Alicia fiel aus allen Wolken und wollte natürlich etwas darauf erwidern. Sie
wünschte sich doch einen weitaus umfassenderen Lebensweg für ihr Kind.
Doch noch bevor sie die passenden Worte gefunden hatte, schaltete sich
eine entsetzte Benita ein:



„Jetzt sind bei Dir wohl endgültig alle Sicherungen durch, Lindy! Sag mal,
spinnst Du? Du bist viel zu klug, um als Muttchen hinterm Herd zu enden.
Warum willst Du Dich denn unter Wert verkaufen? Du kannst doch was!“



Belinda versuchte natürlich, sich zu rechtfertigen und erhoffte sich Beistand
von ihrer Mutter. Immerhin hatte Alicia doch genau diesen Weg
eingeschlagen und es fiel ihr wirklich schwer, daran etwas Falsches zu
finden. Genau an diesem Punkt wurde die Diskussion etwas heikel für Alicia,
denn sie wollte wirklich mehr für ihre Tochter. Doch sich für ihre eigenen
Entscheidungen entschuldigen? Nein, dazu sah sie keinen Grund.



Noch Stunden später kreisten ihre Gedanken um das Thema. Der Gedanke
an die Zwillinge ließ sie nicht los und sie war sich immer noch nicht sicher,
ob sie ihrer Belinda von ihrem eigenen Leben abraten würde. Sie war auch
nur eine Hausfrau und Mutter geworden und war nicht nur zufrieden damit,
sondern auch ehrlich glücklich.



Als Abelino von der Arbeit kam, berichtete sie ihm natürlich von dem
Gespräch und erzählte ihm auch von ihren eigenen Gedanken dazu. Sie war
wirklich ziemlich fertig mit den Nerven und er tröstete sie erst einmal
liebevoll. Er nahm die Angelegenheit recht locker und rief Belinda zu sich.



Fröhlich wiederholte sie alles und stupste ihn kameradschaftlich an den Arm
als sie abschließend sagte: „Naja, wir wissen ja alle, dass ich´s nicht so
mit der Schule hab. Und da dachte ich, ich mache mal reinen Tisch. Ist
doch besser so für alle, meinst Du nicht auch?“ Abelino hätte am liebsten
laut losgeprustet, beherrschte sich aber und fragte zielsicher: „Wie heißt
er?“ Sie leugnete natürlich, jemals auch nur in die Nähe von irgendwem
gekommen zu sein, doch keiner der drei glaubte ihr. Belinda versuchte es
also lieber mit einem Ablenkungsmanöver: „Aber Dad. Mom hat´s doch auch
so gemacht …“ Weiter kam sie nicht, denn nun musste Abelino wirklich
lachen: „Tja, mein liebes Kind. Deine Mutter hatte ja auch Glück. Ich bin
halt ein extrem guter Fang. Und ich fürchte, mich gibt es nur einmal. Und
weil Du keinen finden wirst, der genau so gut ist, wie ich … wird nichts aus
Deinem tollen Plan.“



Als Belinda verdutzt in ihrem Zimmer verschwunden war und die beiden es
sich im Bett gemütlich gemacht hatten, fragte Alicia grinsend, ob er selbst
denn glauben würde, was er da eben erzählt hatte. Abelino drehte sich zu
ihr und grinste: „Das ich der tollste Mann der Welt bin?“ Alicia kuschelte
sich an ihn: „Nein. Quatschkopf! Ich meinte … denkst Du, dass sie Dir
glaubt und auf Dich hören wird?“ Er wurde etwas ernster und sagte ihr:
„Nein, Schatz. Sicher wird sie das nicht. Sie wird mir erst glauben, wenn
der erste von diesen Trotteln ihr das Herz gebrochen hat. Ich hoffe … Ich
hoffe für sie, dass sie die Zeit bis dahin gut übersteht und es ihr nicht zu
sehr weh tun wird … und für mich … für mich hoffe ich, dass ich nicht auf
halbem Weg die Nerven verlieren werde.“
 
 

Brave Mädchen … böse Mädchen!

 


Bembe hatte sich zu einem aufgeweckten Jungen entwickelt und verbrachte
viel Zeit mit phantasievollen Spielen. Alicia bemerkte aber bald, dass er sich
dabei gerne zurückzog und lieber alleine spielte.

 

Er schien dabei völlig zufrieden zu sein und machte auch insgesamt keinen
unglücklichen Eindruck, doch Alicia befürchtete, dass er sich so schnell zu
einem Stubenhocker entwickeln könnte. Abelino hingegen sah das Ganze
bei weitem nicht so dramatisch.

 

Doch auch er bemühte sich, möglichst viel Zeit mit seinem Jungen zu
verbringen. Er und seine Frau verbrachten ja sowieso sehr gerne ihre Zeit
mit den Kindern und so war es nichts ungewöhnliches, wenn man sich im
Garten zu verschiedenen Spielen traf.

 

In letzter Zeit war es aber deutlich zu erkennen, dass besonders die
Mädchen immer öfter ihren eigenen Interessen nachgingen.

 

Während Belinda gewöhnlich am Telefon verschwand, zog es auch Benita
meist bald wieder zurück zu ihren Büchern. Alicia bemerkte diese
schleichende Ablösung schneller, als ihr Mann, doch sie wusste natürlich,
dass dies ein ganz normaler Prozess war. Doch es beruhigte sie, dass die
beiden Mädchen nach wie vor ein sehr gutes Verhältnis zueinander hatten.

 

Damit hatte sie zwar Recht, aber sie ahnte nicht, wie sehr sich die
Interessen der beiden tatsächlich unterschieden.

 

Während Benita oft bis spät in die Nacht an ihren Arbeiten saß und sich
wirklich ausschließlich mit solchen Dingen beschäftigte, hatte Belinda sich
in der Schule ziemlich in einen bestimmten Jungen verguckt. Abelino war
noch nicht bereit, den Mädchen abendliche Verabredungen zu erlauben, da
sie seiner Meinung nach noch zu jung dafür waren. Belinda sah das aber
anders.

 

Sie betrachtete sich im Spiegel und fand, sie sei nicht nur alt genug für
Dates, sondern es wäre auch dringend nötig, ihren Schwarm endlich auch
einmal außerhalb der Schule zu treffen. Außerdem würde er doch sonst nie
mehr als ein Schulmädchen in ihr sehen, dachte sie.

 

Als ihre Eltern also schliefen, schlich Belinda sich aus dem Haus und borgte
sich Abelino´s Auto. Armin, so hieß der Junge, hatte ihr gesagt, wo er
normalerweise zu finden war und so machte sich das Mädchen auf den
Weg.

 

Sie traf zunächst aber nur auf seinen älteren Bruder, der in dieser Bar
arbeitete. Belinda wurde von ihm ziemlich dreist taxiert, doch sie wurde
sich dessen nicht bewusst. In ihren Augen war er einfach nur freundlich
und aufmerksam zu ihr.

 

Demzufolge hatte sie natürlich auch nichts dagegen, als er sie zu einem
oder zwei Drinks einlud, während sie auf Armin wartete. Doch lange musste
sie nicht warten, was ihr Glück war, denn sie vertrug natürlich den Alkohol
nicht.

 

Armin begrüßte sie freudig, aber doch ein wenig schüchtern. Belinda
wunderte das ein wenig, denn in der Schule war er immer einer der
selbstsichersten Jungen gewesen. Doch nach den ersten paar Minuten
schien er sich wieder gefangen zu haben und beide entspannten sich.
Belinda´s Kribbeln im Bauch schien sich mit jeder Minute weiter auf den Rest
ihres Körpers auszubreiten. Sie war sehr aufgeregt und hatte aber auch
hohe Erwartungen an diesen Abend. Eigentlich hatte sie ihm ja vorgaukeln
wollen, sie sei weit weniger begeistert von ihm. Aber diesen
„Teenymagazin-Tip“ konnte sie dann doch nicht anwenden, denn ihr lief es
bei jedem seiner Blicke heiß und kalt den Rücken herunter.

 

Die beiden landeten bald auf der Tanzfläche, denn Belinda liebte Musik und
der DJ spielte eines ihrer Lieblingslieder nach dem anderen.

 

Und auch Armin schien viel Spaß dabei zu haben, was Belinda natürlich
umso mehr freute. Sie hatte befürchtet, er wäre ein echter Tanzmuffel,
wie die meisten Jungs, die sie kannte.

 

Überhaupt fand sie, dass er mit Abstand der netteste, liebste, schlauste
und vor Allem coolste Typ der ganzen Schule war. Und dass er, der doch
ihrer Meinung nach jedes Mädchen hätte haben können, sie ausgesucht
hatte, war für Belinda einfach das tollste an der ganzen Sache.
Armin seinerseits schien aber auch sehr angetan von ihr zu sein, denn er
kümmerte sich den ganzen Abend lang sehr liebevoll um sie und versuchte
alles, um es ihr so schön wie möglich zu gestalten. Die beiden verbrachten
einen wirklich schönen Abend miteinander und genossen die Gesellschaft
des anderen sehr.

 

Und sie waren sich auch sehr viel näher gekommen im Laufe dieses Abends.
Aus schüchternen Gesten und verhaltenen Berührungen waren inzwischen
vertraute Liebkosungen geworden. Belinda fand, dass der Abend einfach
perfekt verlaufen war.
Doch der Abend schien noch nicht ausklingen zu wollen, denn Armin schien
nun erst all seinen Mut gesammelt zu haben.

 

Er erwischte Belinda überraschend und auch nicht sonderlich gekonnt. Doch
das Mädchen verzieh ihm das natürlich, denn sie hatte diesen Kuss schon
lange herbeigesehnt.
Sie schaute ihn verliebt an und ihr sämtliches Blut schien ihr in en Kopf
geschossen zu sein, denn sie hörte nur noch ein warmes Summen, das sich
über ihren ganzen Körper ausbreitete.

 

Fröhlich ließ sie sich völlig in seine Arme sinken und vergaß alles um sich
herum. Sie schloss ihre Augen und ließ sich blind von ihren aufgewühlten
Gefühlen lenken.

 
Belinda war kaum mehr fähig, einen einzigen klaren Gedanken zu fassen, als
die beiden sich irgendwann wieder von einander lösten. Doch Armin hatte
ihr etwas Wichtiges zu sagen.

 

Unsicher kniete er sich vor sie hin und gestand ihr leise, aber in aller Form
seine Liebe. Belinda war außer sich vor Glück und fiel ihm stürmisch um den
Hals, als sie es ihm erwiderte. Belinda war diesem Rausch der Gefühle
wehrlos ausgeliefert, doch Armin hatte im Gegensatz zu ihr schon einige
Erfahrungen gesammelt, die er nun mit ihr teilen wollte. Er musste sie nicht
überreden, mit ihr in einem kleinen Aufenthaltsraum zu verschwinden. Sie
folgte ihm arglos.

 

Und erst, als er ihr zwischen etlichen Liebesschwüren und berauschenden
Brührungen zeigte, was er unter Liebe verstand, kam Belinda für den
Bruchteil einer Sekunde der Gedanke, dass sie sich gerade in einer
Situation befand, die sie so nicht geplant hatte.
Doch der Zweifel wurde schnell von seinen Küssen und Liebkosungen
erstickt und Belinda ließ sich fallen. Sie liebte und vertraute ihm. Sie fühlte
sich seltsam fremd in ihrer Haut, doch noch bevor sie dieses Gefühl näher
ergründen konnte, ließ Armin unerwartet schnell wieder von ihr ab und
begann, sich anzuziehen.

 

Alles in dem Mädchen wehrte sich gegen den Gedanken, dass all ihre
romantischen Vorstellungen an der kahlen Kellerwand abprallen würden,
doch sie wurde sich des kratzenden Sofas unter sich immer bewusster.
Armin schien es wirklich eilig zu haben, was Belinda´s Stimmung nicht
gerade hob. Doch sie wollte ihm nichts davon sagen, wie sie sich fühlte,
denn er schien so glücklich. Belinda hielt also den Mund und zog sich auch
an. Es war schon viel später, als beide gedacht hatten und nun drängte
auch Belinda selbst zum Abschied. Armin küsste sie noch einmal innig und
verabschiedete sich.

 


 

Belinda wusste nicht so recht, was sie von diesem letzten Kommentar ihres
Freundes halten sollte. Bei diesem Gedanken hielt sie kurz inne. War er nun
ihr fester Freund? Sie hatten es nicht ausdrücklich besiegelt, wenn man so
will.

 

Während sie nun nach Hause fuhr und der neueste Hit durch das Radio
surrte, musste Belinda unwillkürlich Lachen. „Natürlich sind wir jetzt richtig
zusammen!“, ermahnte sie das Lenkrad. „Zusammener geht´s ja wohl gar
nicht!“

 

Das Mädchen war keine gute Fahrerin und bewegte den Wagen
dementsprechend vorsichtig die einsamen Straßen entlang. Sie genoss die
Stille, die sie umgab und stellte sogar das Radio aus, um ungestört
nachdenken zu können. Langsam kamen ihr all die Gedanken, die sie vorhin
nicht hatte wahrnehmen können und sie fühlte ein seltsam schales Gefühl
in sich hochklettern, dass sie nicht benennen konnte. Sie war wirklich sehr
verliebt in Armin und weit davon entfernt, den Verlauf des Abends zu
bereuen. Doch irgendetwas schien ihr merkwürdig zu sein, denn von diesem
allumfassenden Glücksgefühl, das sie aus Romanen kannte, konnte Belinda
bei sich nichts feststellen.

 


Aber sämtliche Gedanken des Mädchens waren in dem Moment verflogen,
als sie um ihre Straßenecke bog und nun ihren Vater in der Auffahrt
stehen sah. Und zu ihrem Pech stand er auch nicht einfach nur so da. Er
hatte sich schon regelrecht dort aufgebaut.

 

Belinda stockte der Atem und am liebsten wäre sie gar nicht aus dem
Wagen ausgestiegen. Doch sein Blick verriet, dass er keinen weiteren
Aufschub dulden würde.

 

Sie hatte ihn noch niemals so wütend gesehen und bemerkte deutlich, wie
sehr er sich bemühte, ruhig zu bleiben. Sie brachte nicht mehr als ein
geflüstertes „Dad?“ heraus, doch Abelino unterbrach sie barsch.

 

„Mach, das Du ins Haus kommst und wisch Dir das Zeug aus dem Gesicht.
Sofort!“ Belinda´s Augen füllten sich mit Tränen. Zum Teil, weil sie über
den Tonfall ihres Vaters einfach geschockt war, aber auch, weil sie einen
kurzen Moment lang die Enttäuschung in seinen Augen erahnt hatte.
Abelino schien davon unbeeindruckt und zog sie bestimmt am Oberarm ins
Haus. Dort schob er sie ohne ein weiteres Wort zum Badezimmer und
verschwand in seinem Schlafzimmer.

 

Alicia war natürlich auch noch wach und fragte ihn vorsichtig, ob er noch
etwas zu ihr gesagt hatte, denn sie kannte ihn gut genug um zu wissen,
dass gerade er manchmal einfach nichts sagen sollte. Doch er schüttelte
nur müde den Kopf. „Nein. Denn sonst hätte ich ihr sicher noch auf der
Auffahrt den Hals umgedreht. Alicia, Du musst mit ihr zum Arzt und so.“
Alicia starrte ihn ungläubig an, doch sie verkniff sich jedes Widerwort.

 

Auch eine Etage höher köchelten wenig erfreuliche Emotionen vor sich hin.
Belinda war verwirrt und auch enttäuscht, ohne wirklich sagen zu können,
warum. Eigentlich hätte sie doch nun sehr glücklich sein müssen, überlegte
sie sich. Doch das Zusammentreffen mit Abelino hatte all ihre Gefühle in die
komplett entgegen gesetzte Richtung schwappen lassen.

 

Niedergeschlagen schlurfte sie in ihr Zimmer, wo Benita sie schon mit
traurigem Blick erwartete: „Hat er sehr geschimpft?“ Belinda schüttelte
müde den Kopf und ließ sich von ihrer Schwester trösten. Doch Benita
erzählte ihr auch, was an jenem Abend in ihrem Zuhause los gewesen war.

 

Abelino hatte gleich gehört, dass das Auto losgefahren war und hatte erst
gedacht, ein Dieb wäre unterwegs damit. Doch als er heraus bekam, dass
es Belinda gewesen war, brach im Hause Morales ein wirklich ernster Streit
zwischen ihren Eltern aus. Abelino war außer sich vor Wut gewesen und
ihre Mutter hatte die ganze Zeit versucht, sie ein wenig zu verteidigen.
Belinda war schockiert und wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Sie
war am Ende ihrer Kräfte und die Mädchen gingen endlich zu Bett.

 

Sehr übermüdet und mit einem immens schlechten Gewissen war Belinda am
nächsten Morgen aufgewacht und wollte nun ein besonders leckeres
Frühstück für ihre Familie zubereiten. Vielleicht, so dachte sie sich, würden
sich alle etwas beruhigen, wenn sie erst einmal satt wären.

 

Natürlich bemerkten alle, dass Abelino´s Platz leer blieb, doch Belinda wagte
es nicht, unaufgefordert zu sprechen. Sie wusste ja nicht, ob ihre Mutter
vielleicht auch so böse auf sie war. Schließlich brach Bembe ängstlich das
Schweigen: „Mom … wo ist Daddy?“ Alle drei sahen dem Jungen deutlich
seine Angst an und Belinda bekam eine leise Ahnung von dem Streit, der
sich am Vorabend hier abgespielt haben musste.

 

Mutig ergriff sie das Wort und sagte ihrem Bruder: „Dad ist schon früher zur
Arbeit gefahren. Er ist … also er wollte mich heute bestimmt nicht sehen,
weil er sauer auf mich ist. Aber heute Abend kommt er natürlich wieder
nach Hause.“ Sie schaute unsicher zu ihrer Mutter herüber, die bestätigend
nickte. Der Junge entspannte sich etwas und die drei aßen ihre
Pfannkuchen.

 

Doch Belinda fühlte sich hundsmiserabel. Auch als sie später den Tisch
abräumte und den anderen mehr oder weniger teilnahmslos bei ihren
Gesprächen zuhörte, drehten sich ihre Gedanken permanent um ihren
Vater.

 

Es traf sie wirklich hart, dass er sie offenbar nicht sehen wollte und sie
fürchtete sich sehr vor dem anstehenden Gespräch mit ihm. Sie machte
sich keine Illusionen. Der gestrige Abend würde todsicher ein Nachspiel
haben.

 

Die anderen verbrachten einen schönen Tag im Garten und genossen das
gute Wetter, doch Belinda war viel zu niedergeschlagen und eigentlich froh,
dass die anderen sie nicht drängten, mit ihnen zu kommen. Stattdessen
zog sie sich in ihr Zimmer zurück.

 

Sie setzte sich an Benita´s Computer und ihre Stimmung hellte sich gleich
etwas auf, denn in ihrem Mailfach wartete ein sehr süßer Liebesbrief von
Armin auf sie. Sie schrieb ihm natürlich gleich eine Antwort und hoffte sehr,
dass sie ihn bald wieder sehen könnte. Dieser Gedanke trieb sie dann doch
in den Garten.

 

Sie ging zu ihrer Mutter und versuchte, ihr die ganze Sache zu erklären. Ihr
war ja klar, dass sie mindestens einen Fehler gemacht hatte, den sie auch
vor ihren Eltern zugeben konnte. Alle Details wollte sie ihr aber natürlich
nicht verraten. Denn dann, da war Belinda sich sicher, würde wirklich die
Hölle los sein und sie dürfte ihn ganz bestimmt nie wieder sehen. Alicia
hörte ihr aufmerksam zu und ihre mütterlichen Alarme waren scharf genug
gestellt, um auch die verheimlichten Dinge zu erahnen. Doch schließlich
sagte sie nur: „Schätzchen, Du hast Deinen Vater und mich gestern Nacht
wirklich sehr enttäuscht. Und ich werde mit Dir nicht darüber weiter
diskutieren, wenn Du nicht bereit bist, mir die Wahrheit zu erzählen. Du
willst wie eine Erwachsene leben? Du brauchst keine Regeln mehr? Bitte.
Aber dann benimm Dich nicht wie ein Kind.“ Diese Worte nahmen Belinda
nun endgültig den Wind aus den Segeln.

 

Während ihre Geschwister fröhlich im Pool planschten, brach für Belinda fast
eine Welt zusammen. Sie hatte angenommen, ihre Mutter würde auf ihrer
Seite stehen und war nun sehr enttäuscht. Sie hätte ihr gerne gesagt,
dass sie sich täuschen würde und Belinda ja gar nicht vorgehabt hatte, wie
eine Erwachsene behandelt zu werden. Ganz im Gegenteil. In diesen
Minuten wünschte sie sich eigentlich nichts mehr, als das ihre Mutter sie
tröstend in den Arm nehmen würde. Doch da das nicht geschah, verzog
sich das Mädchen lieber wieder in ihrem Zimmer. Genau genommen
flüchtete sie sogar.

 

Die Stunden vergingen und sie hörte ihren Vater heimkommen, ohne das
Zimmer zu verlassen. Die Tatsache, dass er draußen mit den anderen
spielte, schmerzte das Mädchen, doch sie blieb wie angewurzelt sitzen.
Auch, als sie später die Familie gemeinsam essen hörte, wollte sie nicht
herauskommen. Es wurde Abend und sie hörte, wie nebenan Bembe ins Bett
gebracht wurde.

 

Mittlerweile war es schon recht spät geworden, doch an der Zimmertür war
kein Geräusch zu hören. Ja nicht einmal Benita kam herein, was Belinda
langsam aber sicher sogar ziemlich nervös machte. Als sie nun wieder
Wassergeplätscher vernahm, wäre sie am liebsten schreiend in den Garten
gerannt um ihren Vater zu zwingen, endlich mit ihr zu reden.

 

Sie konnte ja nicht ahnen, wie verzweifelt Abelino nun schon stundenlang
gequält nach den richtigen Worten suchte. Auch für ihn war es ein
verdammt harter Tag gewesen und noch immer hatte er keine Ahnung, wie
er das Gespräch mit seiner Tochter führen sollte. Er war schon etliche
Stunden nicht mehr wütend auf sie. Vielmehr sorgte er sich um Belinda.
Und dies war dann auch schließlich sein Antrieb, als er an ihre Tür klopfte.

 

Belinda freute sich sehr, dass er nun endlich bei ihr war, doch sie bot ihrem
Vater wirklich einen desolaten Anblick. Sie wusste nicht, was sie sagen
sollte und begann erst einmal damit, sich ernsthaft bei ihm zu
entschuldigen. Sie meinte es bitter ernst und ihm entging das nicht. Es war
ihr wirklich anzusehen, dass sie es ehrlich meinte.

 

Abelino ließ sie erzählen, machte es ihr dabei aber auch nicht gerade leicht,
denn er hinterfragte vieles, denn er hatte beschlossen, mit Belinda reinen
Tisch zu machen. Nur so würden die beiden die Sache bewältigen können,
ohne dass ihre Beziehung dabei zerbrechen würde. Belinda ihrerseits war
völlig zerrissen zwischen ihren Ängsten, ihrer Freude und der unglaublichen
Erleichterung, die sie verspürte. Doch sie blieb ehrlich und beantwortete
alle seine Fragen.

 

Am Ende gab es nur noch eines, was Abelino zweifelsfrei wissen musste:
„Hat er … Belinda, hat er irgendetwas getan … was Du nicht wolltest?“ Das
Mädchen schüttelte schockiert den Kopf, doch dann wurde ihr der
eigentliche Sinn hinter dieser Frage klar: „Nein Daddy. Nein, dass hat er
nicht. Ich … ach Dad, ich wusste doch gar nicht, was ich wollte. Aber ich
weiß, dass ich ihn liebe. Und das heißt doch auch … irgendwas.“
 
 

Prince charming
 

In den folgenden Tagen herrschte im Hause der Morales noch immer eine
seltsam angespannte Stimmung. Oberflächlich betrachtet waren alle sehr
freundlich zueinander, doch gerade dies wirkte auf alle beteiligten irgendwie
grotesk. Niemand wollte etwas Falsches sagen und so wirkten alle, als
würden sie auf Eierschalen laufen.

 



 

Besonders Bembe konnte schlecht mit der Situation umgehen. Niemand in
der Familie war glücklich mit diesem Zustand, doch Bembe war damit
schlichtweg überfordert. Er konnte nicht begreifen, wie man böse
aufeinander sein kann, ohne zu streiten. Als er eines Tages wieder einmal
an seinem Limostand versuchte, sein Taschengeld aufzubessern, beschloss
er, sich dass alles noch einmal erklären zu lassen.

 



 

Wie immer, unterstützte Belinda auch diese Verkaufsaktion ihres Bruders
und bestellte schon bald einen Becher bei ihm. Ganz unvermittelt sprach
Bembe mutig das heikle Thema an und ließ sich dieses Mal auch nicht
wieder so einfach abwimmeln. Belinda war sichtlich unwohl bei dem Thema,
denn auch sie litt noch sehr unter den Spannungen, doch sie versuchte,
ihrem Bruder die Lage zu erklären.

 



 

Bembe versuchte, es zu verstehen. Doch letztendlich konnte er wohl
einfach noch nicht begreifen, warum seine Schwester diesen Jungen so
unbedingt wieder sehen wollte. Er schlug vor, sie solle sich einfach einen
anderen Freund suchen, denn den würden die Eltern vielleicht mehr mögen.
Es folgte ein leidenschaftlicher Vortrag über wahre Liebe, Bestimmung und
die Feststellung, dass er dies alles ja auch gar nicht verstehen könnte.

 



 

Wütend drehte sie sich von ihm weg und schnaubte in ihren Becher. Wie so
oft in letzter Zeit fühlte sie sich ungerecht behandelt und missverstanden.
Ja, sie sah ein, dass sie einen Fehler gemacht hatte und sie bereute es
auch ehrlich, sich einfach so davon geschlichen zu haben. Aber wollte denn
niemand verstehen, dass sie und Armin füreinander bestimmt waren? Das
Mädchen hatte sich inzwischen hoffnungslos in ihre Rolle der Julia verrannt
und zerfloss förmlich im Rausch ihrer Hormone.

 



 

Für sie schien nur noch Armin zu existieren und sie war regelrecht besessen
von der fixen Idee, er wäre die große Liebe ihres Lebens. Momentan
konnten die beiden sich ja nur in der Schule treffen, denn Belinda hatte
natürlich Stubenarrest bekommen. Und so fürchtete Belinda natürlich, dass
er schon bald das Interesse an ihr verlieren würde.

 



 

Wann immer sie ungestört war, rief sie ihn an um wenigstens indirekt in
seiner Nähe sein zu können. Sie hatte bald schon immer mehr das Gefühl,
dass er sich von ihr zurückzog, denn seine Kommentare und Antworten
waren längst nicht mehr so liebevoll, wie noch vor wenigen Tagen. Genau
genommen schien er sogar immer mehr an ihr zu bemängeln.

 



 

Ratlos und ziemlich verzweifelt vertraute sie sich Benita an. Als sie sich all
den Kummer endlich einmal von der Seele geredet hatte, schaute sie
erwatungsvoll in die Augen ihrer Schwester. Benita war zwar ein
blitzgescheites Mädchen, aber in diesem Fall musste sie leider zugeben,
keine große Hilfe sein zu können. Sie wollte aber dennoch helfen und schlug
vor, noch einmal mit den Eltern darüber zu reden.

 



 

Belinda fasste also noch einmal neuen Mut und suchte das Gespräch mit
ihrem Vater. Sie gab sich große Mühe, ihm die Situation noch einmal aus
ihrer Sicht zu schildern und hoffte auf ein wenig Verständnis. Abelino
seinerseits hatte natürlich schon Mitleid mit seiner Tochter und sah ja
auch, wie sehr sie sich in der vergangenen Zeit bemüht hatte, ihnen
gerecht zu werden.

 



 

Tatsächlich fürchtete er sogar, durch ihre strenge Haltung könnten sie
vielleicht sogar mehr Schaden anrichten, als dass es dem Mädchen nützen
würde. Er saß in einer unbequemen Zwickmühle, denn natürlich wollte er
nicht, dass sie sich weiter mit diesem Jungen treffen sollte. Doch ihm war
klar, dass er es, realistisch betrachtet, ohnehin nicht verhindern konnte.
Also gab er nach einigem hin und her nach und erlaubte Belinda, ihn
einzuladen.

 



 

Belinda war ganz aus dem Häuschen und als sie am nächsten morgen zur
Schule aufbrach, stolperte sie vor Aufregung regelrecht in den Bus. Am
Nachmittag sollte nun also Armin hochoffiziell vorgestellt werden.

 



 

Alicia hatte sie schmunzelnd beobachtet und war inzwischen auch nicht
mehr ganz so abgeneigt, diesem Jungen nun doch eine reelle Chance zu
geben. Sie hatte sich nämlich weitaus mehr als ihr Mann gegen diese
Erlaubnis gesträubt. Denn sie sah deutlicher, wie verzweifelt ihr Mädchen
versuchte, diesem Jungen zu gefallen. Und da sie genau wusste, wie
leichtgläubig und naiv Belinda im Grunde war, besorgte sie deren
Entwicklung doch sehr.

 



 

So hatte ihre Tochter zum Beispiel kürzlich begonnen, sich ständig
Gedanken um ihre Figur zu machen. Zwar konnte Alicia eine geplante Diät
gerade noch abwenden, doch Belinda, die die vergangen Jahre stets der
felsenfesten Überzeugung war, Sport wäre eine Geißel der Menschheit und
purer Sadismus, hatte nun mit einem intensiven Fitnessprogramm
begonnen.

 



 

Sie war kaum zu bremsen und Stand oft mit grimmiger Mine vorm Spiegel,
während sie sich offenkundig den Kopf darüber zerbrach, ob „er“ sie
vielleicht dick finden könnte. Alicia und auch die anderen konnten in der
Beziehung reden, so viel sie wollten. Nur „sein“ Urteil schien dem Mädchen
noch wichtig zu sein.

 



 

Und auch die an Besessenheit erinnernde Hingabe, mit der Belinda nun ihren
Hauswirtschaftskurs absolvierte, wunderte ihre Mutter.

 



 



 



 

Besonders sauer aber stießen ihr die völlig absurden Klischees auf, die ihre
Belinda nun immer öfter zum Besten gab. Alicia konnte manches Mal kaum
ihren Ohren trauen, wenn sie aus dem Munde ihrer Tochter Floskeln hörte,
die ohne weiteres aus dem Werbefernsehen der 50iger Jahre stammen
könnten.

 



 

Alicia´s Gedanken schweiften wieder einmal ab und sie geriet regelrecht in
Rage. Sie war sich sicher, dass Belinda sich diesen ganzen Käse bestimmt
nicht selbst ausdenken würde. Und ein weiteres Mal ging sie aber, der
Fairness halber, auch mit sich selbst streng ins Gericht. War sie nicht
selbst das schlechte Vorbild gewesen? Nur Hausfrau geblieben? War nicht
sie selbst das lebende Klischee?

 



 

Wütend zerknüllte sie die Zeitung und versuchte, sich bei einem Sonnenbad
zu entspannen. Leider erfolglos, denn auch hier konnten sich ihre Gedanken
kaum beruhigen. Am liebsten hätte sie Belindas ganzes Verhalten als
harmlose Schwärmerei abgetan, doch sie kannte ihr Kind gut genug und
fürchtete um den enormen Einfluss, den dieser Junge auf sie ausübte.

 



 

Unruhig begann sie, ziellos die ohnehin saubere Küche zu putzen und
bemühte sich um Ruhe und Gelassenheit. Sie machte sich klar, dass Belinda
ja nicht dumm war. Sie war eben einfach nur verliebt. Alicia beschloss für
sich, dass sie ernsthaft versuchen wollte, ihre Tochter in diesen
Angelegenheiten mehr zu vertrauen und sie so weit wie möglich zu
unterstützen.

 



 

Als die Mädchen aus der Schule kamen, waren sie natürlich sehr aufgeregt
und Belinda wollte einen perfekten Schlachtplan ausarbeiten. Nichts sollte
dem Zufall überlassen bleiben, denn für sie war dies ja der wichtigste
Moment ihres bisherigen Lebens.

 



 

Nachdem alle Eventualitäten geklärt waren, konnte sich Belinda auch wieder
etwas entspannen und sah dem Treffen sehr freudig entgegen. Auch
Benita gab sich Mühe, dem ganzen positiv gegenüber zu stehen. Sie hatte
zwar ihre Zweifel, dass dies alles gut laufen würde, doch sie wollte ihrer
Schwester keine Sorgen bereiten und sagte also nichts.

 



 

Sie hatte nämlich eine denkbar schlechte Meinung von Armin. Nicht nur,
dass sie generell nicht ganz nachvollziehen konnte, warum sich plötzlich all
ihre Freunde wie aufgescheuchte Hühner benahmen, wenn es um Jungs
ging. Es war ihr unbegreiflich, wie sich ansonsten vernünftige Menschen
durch ein einziges Wort eines dahergelaufenen Jungen derartig
verunsichern ließen. Und Armin schien dies sehr auszunutzen, denn er
behandelte Belinda wirklich nicht sehr charmant. Benita begriff es einfach
nicht. Doch sie sah, wie viel ihrer Schwester daran lag, den Tag nun gut
über die Bühne zu bringen und so übte sie sich in dezentem Schweigen.

 



 

Doch bevor Benita sich weiter mit diesen Gedanken beschäftigen konnte,
vernahm sie ein freudiges Juchzen von ihrer Schwester. Belinda fiel ihrem
Armin regelrecht um den Hals und begrüßte ihn überschwänglich.

 



 

Armin ließ sich natürlich nicht lange bitten und so lagen die beiden sich in
den nächsten Minuten erst einmal verträumt in den Armen. Benita kämpfte
mit dem Brechreiz.

 



 

Sie hatte sehr mit sich zu kämpfen, damit der zynische Kommentar, der ihr
fast die Zunge verbrannte, nicht doch noch ihren Mund verließ, doch dann
hörten alle drei ein Auto um die Ecke biegen und das Paar löste sich
schlagartig voneinander.

 



 

Und tatsächlich war es Abelino, der nun auf die beiden zukam. Belinda
beeilte sich, die beiden einander vorzustellen, doch Armin bremste sie
durch eine Geste und ergriff selbstbewusst die Initiative. Er war noch nie
schüchtern gewesen und begann auch jetzt ein zwangloses Gespräch.

 



 

Abelino war zwar wenig beeindruckt, blieb jedoch höflich und wechselte ein
paar Worte mit dem Jungen. Es hatte keine zwei Sekunden gedauert, bis er
sich sein Urteil über Armin gebildet hatte. Obwohl er seiner Tochter am
liebsten auf der Stelle einen missbilligenden Blick zugeworfen hätte,
beherrschte er sich und entzog sich der Situation. Er entschuldigte sich,
um sich erst einmal frisch machen zu gehen. Schließlich hätte er einen
anstrengenden Arbeitstag hinter sich.

 



 

Nachdem Abelino die beiden nach drinnen geleitet hatte, ging Armin mit
einem mehr als dreisten Siegerlächeln auf Alicia zu und begrüßte sie. Selbst
Belinda fiel auf, dass er ihre Mutter dabei mit einem ungehörigem Blick
musterte. Bevor Alicia nun aber reagieren konnte, ergriff Belinda beherzt
das Wort und versuchte so, ihre Mutter irgendwie abzulenken.

 



 

Dies gelang ihr aber nur mäßig, denn Armin war derartig von sich selbst
eingenommen, dass ihm gar nicht aufgefallen war, wie schlecht sein
Benehmen in dieser durchaus wichtigen Situation war. Er plauderte munter
drauf los und trampelte dabei dermaßen plump in sämtliche Fettnäpfchen,
dass sogar Belinda selbst ihm am liebsten eine Ohrfeige verpasst hätte.

 



 

Belinda war so geschockt, dass sie nun gar nicht wirklich gehört hatte, was
er zuletzt gesagt hatte, doch ihrer Mutter schien es nun endgültig genug
zu sein. Sie wollte noch dazwischen gehen und irgendetwas
beschwichtigendes sagen, doch Alicia warf ihr einen warnenden Blick zu,
der dem Mädchen endgültig die Kehle zuschnürte. So wütend hatte sie ihre
Mutter noch nie erlebt. Und so musste sie tatenlos zusehen, wie Alicia ihre
große Liebe achtkantig aus dem Haus warf. Und als wäre das allein nicht
schon schlimm genug, verbot sie ihm natürlich auch noch jeglichen Kontakt
mit ihr. Belinda war am Boden zerstört.

 

 

 

Sommergewitter

 



 

Belinda konnte sich nicht länger beherrschen, als Armin nun wütend aus
dem Haus stampfte. Nicht in ihren schlimmsten Alpträumen hätte das
Mädchen sich ausmalen können, wie scheußlich dieses Treffen verlief und
noch immer konnte sie kaum begreifen, was genau da eigentlich eben
geschehen war. Schluchzend lief sie in den Garten.

 



 

Alicia folgte ihr besorgt und machte gleich einen Versuch, ihr Mädchen zu
trösten. Doch Belinda war derartig aufgelöst und verwirrt, dass sie alles
andere als umgänglich reagierte.

 



 

Sie schrie und tobte und machte Alicia schlimme Vorwürfe. In ihrer Wut gab
sie ihr die Schuld an dem ganzen Desaster und ging sogar soweit, hinter
dem Verhalten ihrer Mutter einen fiesen Plan zu vermuten: "Das hast Du
doch alles geplant! Du wolltest ihn doch bloß vorführen! Wie konntest Du
mir das nur antun?"

 



 

Und zum ersten Mal in ihrem Leben wäre Alicia fast der Geduldsfaden
gerissen. Sie war noch niemals dermaßen wütend gewesen und es fiel ihr
wirklich sehr schwer, ihrer Stimme den schrillen Ton zu nehmen: "DIR das
antun? DIR? Oh Belinda! Wenn Du jetzt nicht Augenblicklich Deinen Mund
hältst und in Deinem Zimmer verschwindest ... glaube mir, dann erlebst Du
hier gleich Dein blaues Wunder!"

 



 

Sie war wirklich außer sich vor Wut und Belinda´s Abgang, den das
Mädchen auch noch mit einem enormen Knallen der Tür vertonte, stimmte
Alicia in jenem Moment auch nicht gerade versöhnlicher. Als Abelino nun
ziemlich verdutzt aus der Dusche kam, um zu hören, was um Himmels Willen
hier gerade los war, besann er sich schnell eines Besseren und fragte nicht
weiter nach, als er seine Frau ansah.

 



 

Erst einige Stunden später, nach dem Abendessen, welches dann auch
ohne Belinda stattgefunden hatte, schien sich der Sturm etwas gelegt zu
haben und Abelino bat zum Gespräch.

 



 

Da er sehr vorsichtig fragte und sich auch sonst sehr beruhigend um Alicia
kümmerte, entspannte sie sich bald genug, um ihm vom Nachmittag
berichten zu können. Es tat ihr schrecklich leid, wie heftig sie und Belinda
aneinander geraten waren, doch auf der anderen Seite war sie auch immer
noch wütend auf das Mädchen, weil sie sich so schrecklich aufgeführt
hatte.

 



 

Auch Abelino beurteilte Belinda´s Verhalten als absolut unangebracht und
konnte verstehen, warum seine Frau so aus der Fassung geraten war. Da
er aber immer noch die Hoffnung hatte, dieses ganze Theater sei nur eine
Phase, bemühte er sich auch dieses Mal, die Dinge auch aus Belinda´s
Perspektive zu betrachten.

 



 

Er gab zu bedenken, dass Alicia ja nun einmal keine hellseherischen
Fähigkeiten besaß und sich ihre üblen Vorahnungen allesamt in Wohlgefallen
auflösen könnten. Er hatte Armin sehr schnell als Blender entlarvt und war
sich sicher, dass Belinda schon bald erkennen würde, dass dieser Junge sie
niemals so sehr lieben würde, wie sich selbst.

 



 

Alicia wollte etwas weniger optimistisches einwerfen, doch Abelino ließ sich
nicht beirren. Er wollte zwar auch nicht, dass die beiden sich weiter trafen
und stand voll hinter dem Verbot, dass Alicia ausgesprochen hatte, aber im
Gegensatz zu seiner Frau kalkulierte er den trotzigen Ungehorsam seiner
Tochter mit ein. Die beiden wurden sich aber bald über das Strafmaß einig
und Abelino erhob sich.

 



 

Belinda hatte sich in den vergangenen Stunden kaum beruhigt und starrte
wütend in ihr Buch. Benita hatte vorhin zwar einen Versuch gemacht und
hatte mit ihr über alles reden wollen, doch Belinda hatte ihr sehr schnell
klar gemacht, dass sie ganz und gar kein Interesse daran hatte. So war
Benita also zu ihrem Bruder verschwunden, wo sie auch jetzt noch das
Unwetter abwartete.

 



 

Sie war froh, dass er es war, der nun in ihr Zimmer kam, denn sie hätte
nicht gewusst, wie sie ihrer Mutter gegenübertreten sollte. Und Belinda
fand auch, dass er recht ruhig dreinschaute, was ihre Hoffnung verstärkte.
Und es begann auch alles ganz harmlos. Abelino fragte erst einmal, ob sie
hungrig wäre und gab sich Mühe, so normal wie möglich mit ihr zu reden.

 



 

Doch als Belinda nun den Fehler machte, sich bei ihm über Alicia zu
beschweren, änderte sich seine Haltung deutlich. Zu deutlich für Belinda´s
Geschmack. Ihre Hoffnung auf Verständnis löste sich in Luft auf und sie
versteifte sich wieder.

 



 

Abelino war nicht nur enttäuscht von ihrer Reaktion, sondern sogar ein
wenig schockiert. Ja, ihm war klar gewesen, dass sich ein Mädchen ihres
Alters hauptsächlich für sich selbst interessiert. Aber die scheinbar
beispiellose Borniertheit seiner Tochter überraschte ihn doch sehr.

 



 

Doch er riss sich zusammen und versuchte noch einmal, ruhiger mit ihr zu
reden. Er hatte nämlich noch eine winzige Hoffnung, die Belinda´s
Verhalten vielleicht erklären konnte. Er fragte sie also direkt und ohne
Umschweife, ob sie denn überhaupt gehört hatte, was ihr Freund Alicia
gesagt hatte.

 



 

Belinda bejahte und versuchte nun, da sie zu begreifen schien, was hier der
eigentliche Stein des Anstoßes war, die ganze Angelegenheit abzuwiegeln.
Armin hatte es bestimmt nicht so gemeint. Da war sie sich sicher. Das
konnte er ja gar nicht so gemeint haben, denn so etwas sagt man ja
eigentlich auch gar nicht. Bestimmt sollte es nur ein Scherz sein. Und ihrer
Meinung nach hatte Alicia auch völlig überzogen reagiert.

 



 

Abelino traute seinen Ohren nicht. Er hatte nun keinen Zweifel mehr daran,
warum Alicia so aufbrausend reagiert hatte, denn selbst er, der ja
offenkundig der geduldigere von den beiden war, hatte nun endgültig
genug.

 



 

"Das kann doch wohl nicht Dein ernst sein! Du lässt ihm diese Frechheit also
nicht nur durchgehen, sondern nimmst ihn sogar noch in Schutz?" Es
kostete ihn zusehends Kraft, ruhig zu bleiben.

 



 

Belinda ignorierte diese Anstrengungen aber, da sie sich und ihre Liebe
verteidigen wollte: "Natürlich! Ich kenne ihn besser und ihr ... ihr habt ihm
doch sowieso keine Chance gegeben! Er hat das nicht so gemeint. Er war
bestimmt nur ... nur aufgeregt oder nervös oder so."

 



 

Abelino brodelte und machte seiner Tochter unmissverständlich klar, dass
sie Armin nicht wieder treffen dürfte. Genauso wenig, wie sie in den
kommenden Wochen das Haus verlassen würde. Belinda war stinksauer und
kämpfte mit den Tränen. Doch anstatt nun den Mund zu halten, gab sie
ihrem überaus gereiztem Vater auch noch eine flapsige Antwort.

 



 

"Na und? Pah! Ihr könnt mir so viele Verbote geben, bis ihr schwarz werdet!
Ich liebe ihn und er liebt mich! Und ihr könnt uns niemals auseinander
bringen! Und sowieso ... was wisst ihr denn schon von d" "RUHE!" donnerte
Abelino ihr in einem derartig beängstigendem Ton entgegen, der dem
Mädchen das Blut in den Adern gefrieren ließ.

 



 

"Überlege Dir genau, was Du jetzt sagst, mein Kind! Und bedenke auch, zu
wem Du es sagst." Belinda fröstelte. Sie schaute ihren Vater an und schien
sich zum ersten Mal bewusst zu werden, dass überall auf der Welt, jeden
Tag Kinder von ihren Eltern geprügelt wurden. Sie schwieg.

 

 

... dicker als Wasser
 

Nachdem Abelino ohne ein weiteres Wort ihr Zimmer verlassen hatte, ließ
Benita sich kraftlos auf ihr Bett sinken. Sie war verwirrt und verletzt, doch
zum ersten Mal kam ihr der Gedanke, sie könnte zu weit gegangen sein.
Denn nun gab es tatsächlich keine Hoffnung mehr, dieses Thema noch
einmal in Ruhe anzusprechen.

 



 

Ihre Gedanken überschlugen sich bei dem Versuch, den Tag noch einmal
Revue passieren zu lassen, denn sie war einfach zu verwirrt, um noch klar
feststellen zu können, an welchem Punkt alles so furchtbar außer Kontrolle
geraten war.

 



 

Sie war so in Gedanken, dass sie nicht bemerkt hatte, wie sich ihre
Schwester leise ins Zimmer geschlichen hatte. Benita war etwas
verunsichert und wusste nicht recht, ob sie Belinda ansprechen sollte.
Doch schließlich flüsterte sie ein zaghaftes "Hallo" in ihre Richtung.

 



 

Belinda umarmte sie schluchzend und es brauchte ein Weilchen, bis Benita
sie erst einmal etwas beruhigen konnte. Doch schließlich sammelte sie sich
und fragte ihre Schwester verzweifelt um Rat. Genauer gesagt
bombardierte Belinda ihre Schwester mit unzähligen Fragen, auf die das
Mädchen auch keine Antwort hätte finden können, wenn sie ein
wandelnder Beziehungsratgeber gewesen wäre.

 



 

"Lindy, ich will Dir ja helfen. Wirklich. Aber woher zum Geier soll ich denn
wissen, was Du jetzt machen sollst? Ich weiß doch noch nicht mal genau,
was da eigentlich los war! Ok, ich schlage vor, Du erzählst erstmal, was
passiert ist. Und vielleicht finden wir dann eine Lösung." Sie nickte
bekräftigend und hoffte inständig, dass ihr nachher wirklich noch etwas
schlaues einfallen würde.

 



 

Die Mädchen setzten sich und Belinda versuchte, sich zu konzentrieren.
Beide gingen den Nachmittag noch einmal Schritt für Schritt durch und so
bekam Benita nun auch ein genaueres Bild von der Misere. Sie verstand
jetzt, warum die Eltern so wütend geworden waren und gab sich aber
dennoch Mühe, auch Belinda´s Standpunkt zu verstehen.

 



 

Die Verzweiflung, mit der Belinda berichtete, traf Benita schwer und sie
sorgte sich sehr um ihre Schwester. Ja, auch sie fand, dass dieser Armin
Belinda nicht gut tat. Doch ihre Ablehnung hatte andere Gründe, denn
deutlicher als alle anderen bemerkte sie die Veränderung im Denken und
Verhalten ihrer Schwester.

 



 

Und besonders an diesem Abend kostete es Benita Mühe, ihre eigenen
Gedanken vorsichtig und diplomatisch zu äußern, denn sie wollte ihrer
Schwester ja nicht noch mehr Sorgen bereiten. Belinda brauchte in jenem
Moment eher Zuspruch, denn weitere Vorwürfe.

 



 

Ohne es zu bemerken fiel Belinda bald wieder in ihre verteidigende Position
und begann, ziemlich zusammenhangslos Armins Vorzüge ohne reelle
Argumente unter Beweis stellen zu wollen. Benita hatte wirklich Mühe, ihr
zu folgen, geschweige denn, sie zu verstehen.

 



 

"Sag´ mal, was redest Du denn da? Das Du ihn toll findest, weiß ich doch.
Aber das hat doch jetzt nichts mit heute zu tun, Lindy." Benita erntete
zwar einen recht störrischen Blick von ihrer Schwester, ließ sich davon
jedoch nicht beeindrucken.

 



 

Sie sprach ganz gelassen weiter: "Jetzt mal im Ernst. Ich werde vermutlich
nie begreifen, was so toll an Armin sein soll. Aber das muss ich doch auch
gar nicht. Ich muss ihn nicht mögen, sondern Du. Er ist mir völlig egal,
Belinda. Du aber nicht!"

 



 

Belinda sah sie verdutzt an und wusste nicht so recht, was sie mit diesen
Worten anfangen sollte: "Wie meinst Du denn das jetzt nun schon wieder?"
Sie war schon fast wieder komplett auf Kollisionskurs, doch Benita bremste
diesen Impuls: "Ich meine ganz einfach, dass ich mir Sorgen um Dich
mache. Du bist doch meine Schwester."

 



 

Belinda brachte nicht mehr als ein leises "oh" zustande, denn sie war solche
ernsten Worte von Benita nicht gewöhnt. Außerdem hätte sie auch nicht
gewusst, wie sie darauf antworten sollte. Ihr fehlten tatsächlich die Worte.
Diesen Umstand nutzte Benita nun aber geschickt, um weiter zu reden:

 



 

"Weißt Du, Belinda ... ich mache mir wirklich Sorgen um Dich. Und ich finde
es schrecklich, wenn Du so traurig bist. Deswegen will ich Dir ja auch
helfen. Und das mache ich auch. Versprochen. Aber ..."

 



 

Sie sah die Abwehrhaltung und den Zweifel ihrer Schwester, doch nun
wollte sie wirklich keinen Rückzieher mehr machen: "Aber das geht nur,
wenn ich mir nicht ständig auf die Zunge beißen muss. Das schaffe ich
nicht. Wenn ich irgendetwas blöd finde, dann muss ich Dir das auch sagen
können. Ohne das Du dann gleich wieder bockig wirst."

 



 

"Aha! Dann willst Du also den ganzen Tag lang über Armin ablästern und ihn
schlecht machen, Ja? Und ich soll dazu "Ja und Amen" sagen, oder am
besten gleich den Mund halten? Boah, Du bist ja noch gemeiner als Mum
und Dad zusammen! Die tun wenigstens nicht so, als würden sie mir helfen
wollen!"

 



 

Benita konnte über ihre Schwester wirklich nur Schmunzeln, denn sie nahm
sie nun wirklich nicht mehr ernst: "Siehst Du? Du bist bockig! Erstens habe
ich wirklich besseres zu tun, als über Deinen Freund zu lästern. Zweitens
habe ich gar nicht gesagt, dass ich Dich von irgendwas überzeugen will,
oder Du mir recht geben sollst. Und drittens ... benimmst Du Dich gerade
echt kindisch, Belinda."

 



 

Belinda´s Verwirrung erreichte einen neuen Höchststand und sie fragte sich,
was ihre Schwester denn nun genau vorhatte. Denn aus Benita´s
Verhalten wurde sie beim besten Willen nicht schlau. Benita versuchte also
noch einmal, ihr zu erklären, wie sie es gemeint hatte.

 



 

"Ich werde Dir helfen, damit Du und Armin euch treffen könnt und Du wieder
fröhlicher wirst. Aber wenn er etwas wirklich dummes tut, dann werde ich
Dir sagen, was ich davon halte, Lindy. Klar, Du wirst das nicht hören
wollen. Aber ich werde Dir immer ehrlich sagen, was ich denke und Du
musst mir versprechen, dann keinen Streit anzufangen."

 



 

Belinda war richtig zwiegespalten. Einerseits hoffte sie sehr auf Benita´s
Hilfe, aber auf der anderen Seiten ahnte sie, wie schwer es werden würde,
sich auch mögliche Kritik anhören zu müssen: "Ich weiß nicht, ob ich das
schaffe. Ich meine, dann nicht zickig zu werden. Aber ich werd´s
versuchen, ok?"

 



 

Dies war Benita genug, denn sie kannte den Sturkopf ihrer Schwester nur zu
gut. Beide waren froh über dieses Abkommen und legten sich nun endlich
zu Bett. Als sie schon fast eingeschlafen waren, fragte Belinda leise: "Was
machen wir denn als erstes?", worauf Benita müde antwortete: "Zuerst
müssen wir das mit Mum und Dad wieder in Ordnung bringen. Das ist am
wichtigsten."

 



 

Die beiden wünschten sich noch eine gute Nacht und es dauerte keine fünf
Minuten, bis beide tief und fest schliefen. Der Tag war wirklich anstrengend
und lang gewesen. Dies war er für alle Familienmitglieder gewesen, doch
eine Etage tiefer war an Schlaf nicht zu denken.

 



 

So erfolgreich Abelino und Alicia das Thema für den Rest des Tages
gemieden hatten, so erfolglos hatten sie versucht, sich gegenseitig davon
abzulenken. Ruhig, doch wenig entspannt gingen die beiden zu Bett und
jeder der beiden war mit Gedanken beschäftigt, die sie zum ersten Mal
nicht direkt miteinander teilen konnten.

 



 

Alicia war bald eingeschlafen, doch in Abelino´s Kopf schwirrten immer noch
viel zu viele Gedanken. Er kam einfach nicht zur Ruhe und überlegte
fieberhaft, ob er sich nicht vielleicht doch falsch verhalten hatte. Immerhin
war er der Erwachsene und hätte gelassener reagieren müssen, mahnte er
sich.

 



 

Er bereute sehr, vorhin beinahe die Fassung verloren zu haben und machte
sich schreckliche Vorwürfe deswegen. Denn er hatte ernsthafte Zweifel
daran, ob er nicht vielleicht wirklich noch die Hand gegen seine Tochter
erhoben hätte. Der bloße Gedanke daran trieb ihm die Galle hoch, wobei es
nicht nur ein undefinierbares Schuldgefühl war, das ihn quälte.

 



 

Als er sich nun leise zu den Mädchen schlich, hatte sich ein bleierner Mantel
um sein Herz gelegt, denn er machte sich klar, dass er noch vor einem
Tage jeden Eid geschworen hätte, seine Kinder niemals körperlich zu
züchtigen. Leise und vorsichtig näherte er sich Belinda´s Bett und niemals
hätte er in Worte fassen können, wie elend er sich fühlte, als er nun
behutsam ihre Decke richtete und für ein paar kurze Augenblicke ihren
Schlaf beobachtete.