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Kapitulation

 

Kaum, das die Schwester ihr Zimmer verlassen hatte, fiel Bonnie in einen
 traumlosen Schlaf. Ihr Körper brauchte diese Pause dringender, als ihr
 verwirrter Geist und so schlief sie tief und fest.

Sie hörte weder die gelegentlich vorbeischauenden Schwestern, noch Dr.
 Brown, der am Abend wie versprochen noch einmal nach dem Rechten
 sah. All das hörte sie nicht und schlief ruhig weiter.

Erst am nächsten Morgen vernahm Bonnie ein leises Rumoren, welches
 sich bald zu einem deutlich lauterem Knurren ihres Magens entwickelte.
 Sie atmete tief ein und blinzelte verschlafen in die Morgensonne, als sie
 sich langsam im Bett aufrichtete.

Anders als am Vortag, spürte sie ihren Körper nun viel deutlicher, was
 Bonnie in diesem Moment allerdings nicht als Vorteil empfand. Sie
 betastete ihre Schultern und rieb sich vorsichtig über den Bauch, der dies
 sofort mit einem weiteren unfreundlichen Knurren quittierte.

"Ja, gleich.", flüsterte sie ihm zu und stellte dankbar fest, dass wenigstens
 ihre Kopfschmerzen nachgelassen hatten. Noch während sie überlegte, ob
 sie es wagen könnte, nach einer Schwester zu klingeln, öffnete sich
 langsam die Zimmertür:

"Oh. Guten Morgen, Ms. Rover. Gut geschlafen?", fragte die
 Stationsschwester, als sie sich lächelnd dem Bett näherte. Bonnie lächelte
 zögerlich zurück: "Ja, ich glaub´ schon." Während die Schwester das
 Fenster ein wenig öffnete, fragte sie routiniert:

"Und? Wie geht es uns heute an diesem sonnigen Tag?" Bonnie konnte sich
 nicht gegen das kleine Schmunzeln wehren, dass sich auf ihr Gesicht
 zauberte und wollte sich nur zu gern von der guten Laune der Schwester
 anstecken lassen. Doch noch bevor sie etwas erwidern konnte, meldete
 sich ihr Magen mehr als deutlich zu Wort.

Die Schwester drehte sich mit hochgezogenen Brauen um und wunderte
 sich offenbar sehr, dass ein so zierlicher Körper solche Geräusche
 fabrizieren konnte. Bonnie hielt sich peinlich berührt den Magen und
 flüsterte: "Entschuldigung ... Ich habe wohl etwas Hunger."

Die Schwester lachte herzlich: "Na, dass kann man wohl sagen! Ich werde
 Ihnen mal gleich Ihr Frühstück bringen, in Ordnung? Und dann kümmern
 wir uns um den Rest.", und machte sich mit einem Zwinkern auf den Weg.

Bonnie schaute ihr noch einen Moment hinterher, versuchte dann aber,
 vorsichtig vom Bett aufzustehen. Die ersten paar Schritte waren noch sehr
 wackelig, aber sie ließ sich nicht davon beirren und ging langsam zum
 Badezimmer.

Bonnie bemerkte, wie schwer ihr die kleinen Handgriffe im Bad noch
 fielen, aber sie bewältigte die Morgentoilette dennoch ohne irgendwelche
 Zwischenfälle und setzte sich danach an den kleinen Tisch im Zimmer.

Wenige Minuten später brachte die Schwester das Frühstück herein,
 welches Bonnie dankend annahm. Es war schlichter und recht farbloser
 Krankenhausfraß, aber Bonnie genoss jeden Bissen davon, als hätte sie
 seit Wochen nichts mehr gegessen. Selbst der unansehnliche Brei, der
 etwa genau so viel mit Haferflocken gemeinsam hatte, wie eine
 Currywurst mit einem Filet Mignon, wurde bis auf den letzten Rest von
 Bonnie verputzt. Sie hatte wirklich Hunger.

Aber letztendlich hätte vor ihrer Nase auch Lila Suppe stehen können,
 Bonnie hätte es wohl nicht bemerkt. Schon nach den ersten Happen waren
 ihre Gedanken abgeschweift, als hätte ihr Hirn nur genau so lange
 Aufschub gewährt, bis ihr Körper zu seinem Recht gekommen war.

Die Erinnerungen an den vorherigen Tag holten das Mädchen
 unbarmherzig ein. Wieder einmal fühlte Bonnie sich hilflos und konnte
 nicht verhindern, dass unzählige Gedanken zeitgleich über sie
 hinwegrollten. Doch anstatt auch dieses Mal wieder völlig an diesem
 Gefühl zu verzweifeln, regte sich tief in Bonnie zum ersten Mal ein
 anderes Empfinden.

Verdutzt hielt sie inne und bemühte sich nach Kräften, dieses Gefühl zu
 identifizieren, denn sie erkannte immer klarer, dass es keine Tränen
 waren, die sich dort gerade ihren Weg bahnten. Doch je mehr sie
 versuchte, ihre Gefühle zu sortieren, desto deutlicher zeigten sich deren
 Schattierungen.

Bonnie war völlig überfordert mit all diesen widersprüchlichen Gefühlen,
 die sich in ihr verbargen und oft auch anders gefärbt waren, als ihre
 Gedanken. Ärgerlich rieb sich das Mädchen über die Stirn und wusste,
 dass sie dieses Chaos in sich so schnell wie möglich sortieren musste.

Sie hatte keine Ahnung, wie sie das bewerkstelligen sollte und schon bei
 diesem Gedanken flackerte wieder das Gefühl der Hilflosigkeit in ihr auf.
 Doch sie schob es entschlossen zur Seite und stellte sich der
 schmerzhaften Wahrheit. Sie würde damit alleine fertig werden müssen.

Der tiefe Stich, den dieser Gedanke verursachte, war bei weitem nicht
 mehr so schmerzhaft, wie noch vor ein paar Tagen. Und obwohl Bonnie
 immer noch das starke Bedürfnis hatte, sich diesem Alptraum und all
 seinen Konsequenzen zu entziehen und ihrem Leben davonzulaufen,
 realisierte sie nun bitter, dass sie selbst diese Wahl nicht mehr hatte.

Sie fühlte sich mehr als unwohl in ihrer Haut und rieb sich angespannt
 über die Arme, um den plötzlichen Schauer, der darüber kroch, zu
 vertreiben. Sie wusste nicht, wie lange sie so, sich selbst umklammernd,
 dagesessen hatte. Doch irgendwann löste sich Bonnie aus ihrer Starre und
 atmete tief durch.

Sie war weit davon entfernt, sich selbst Mut zuzusprechen, denn weder
 ihre Hilflosigkeit, noch ihre Angst vor eben jener, hatten sich verflüchtigt.
 Und doch hatte Bonnie nicht mehr das Gefühl, dass diese Empfindungen
 sie vollends beherrschten. Sie wusste genau, dass sie sich ihrem inneren
 Chaos stellen musste und begriff endlich, dass sie nicht länger flüchten
 konnte. Weder vor ihrer Situation, noch vor sich selbst.

Es war eine schmerzliche Erkenntnis, doch Bonnie ging hart mit sich ins
 Gericht. Schonungslos machte sie sich klar, dass sie sowohl den Schmerz,
 ihre Angst, als auch die elende Verzweiflung in sich würde aushalten
 müssen, wenn sie nicht wieder in den unaufhaltsamen Strudel aus
 Hoffnungslosigkeit geraten wollte, der sie neulich mitgerissen hatte.

Entschlossen bezwang sie das winzige Flüstern in ihr, dass sich noch
 immer nach einem Ende, egal welcher Art, sehnte. Denn ihre Angst, Carl
 könnte seine Drohung tatsächlich wahr machen und ihren Geschwistern
 etwas antun, war einfach zu groß. Nichts an seinem Verhalten ließ sie
 daran zweifeln, dass er es wirklich ernst gemeint hatte.

Der Gedanke an Carl brachte ein erdrückendes Gefühl der Machtlosigkeit
 mit sich, denn Bonnie hatte nicht die geringste Vorstellung davon, was sie
 als nächstes von ihm zu erwarten hatte. Sie erinnerte sich nur zu gut an
 das gefährliche Blitzen in seinen Augen und wollte sich dessen Bedeutung
 gar nicht erst konkreter ausmalen.

Und ihr war auch bewusst, dass sie tatsächlich nichts anderes tun konnte,
 als sich ihm und seinen kranken Wünschen zu beugen. Für den Moment
 würde sie wohl einfach versuchen müssen, sich in dieser absurden
 Situation zurecht zu finden, stellte sie bitter fest und schob alle
 Gedanken, die mit ihm oder ihrer Mutter zu tun hatten, entschlossen bei
 Seite.

Viel wichtiger und auch dringender schien ihr in jenem Moment die
 Klärung eines anderen Problems. Sie war in Bezug auf Ivy nach dem
 gestrigen Tag völlig verwirrt und war sich inzwischen auch nicht mehr
 sicher, warum sie ihr eigentlich nachgegeben hatte.

Wieder begannen in Bonnies Brust, zwei Herzen zu schlagen und sie
 wusste einfach nicht, welchem sie glauben sollte. Einerseits verband die
 beiden Mädchen eine langjährige und innige Freundschaft, die Bonnie
 schätzte und auch nicht aufgeben wollte. Auf der anderen Seite aber
 meldeten sich große Zweifel, die schon lange in ihr gehrten.

In den vielen Jahren, die die beiden sich nun schon kannten hatte es
 immer wieder Momente gegeben, in denen Bonnie mit unschönen
 Charakterzügen ihrer Freundin konfrontiert worden war. Zwar hatte Ivy
 immer eine passende Begründung für ihr Verhalten gehabt, doch es
 änderte nichts an der Tatsache, dass sich Bonnie schon in Kindertagen oft
 von ihr im Stich gelassen gefühlt hatte.

Oft genug hatte sie ihre Augen vor diesen Dingen verschlossen und hatte
 nicht wahrhaben wollen, wie gemein Ivy sie manches Mal behandelt hatte.
 Immer wieder hatte Bonnie ihre Entschuldigungen angenommen und auch
 in jenem Moment wollte sie ihr glauben. So, wie sie es immer getan hatte.

Denn die bloße Vorstellung, Ivy könnte sie belogen haben, war einfach zu
 absurd und hätte nach Bonnies Meinung überhaupt keinen Sinn ergeben.
 Sie rief sich erneut jedes einzelne Wort, das Ivy über ihn gesagt hatte, ins
 Gedächtnis zurück und erforschte angestrengt ihr Herz.

Denn nun, wo sie Ivys Erzählungen innerlich zu Tatsachen erklärte, hoffte
 Bonnie inständig, Paul ein für alle mal aus ihrem Herzen verbannen zu
 können. Mehr noch, sie wollte ihn auslöschen, ihn verteufeln, ihn hassen.

 Krampfhaft stierte sie ins Leere und fühlte ihre Kehle immer trockener
 werden, als sich nun etliche Erinnerungen an Paul in ihr Bewusstsein
 drängten. Verzweifelt versuchte sie, sich einzureden, dass alles, was sie in
 den letzten Monaten erlebt, gehört und gefühlt hatte, auf Lügen beruht
 hatte.

Dass Paul sie die ganze Zeit über nur belogen und betrogen hatte. Bonnie
 spürte ihre Muskel zittern und wiederholte sich diesen Gedanken immer
 und immer wieder in der Hoffnung, so die erlösende Wut in sich zu
 finden, die sie endlich von dem elenden Schmerz befreien sollte, der so
 unbarmherzig durch ihre Seele tobte.

Ihr Herz raste, doch sie wollte sich nicht beruhigen. Sie wollte ihn hassen,
 ihn verfluchen. Ihm die Schuld an Allem geben und mit aller Gewalt das
 Band zwischen ihnen zerstören, so wie auch sie sich zerrissen und
 geschunden fühlte. Unnachgiebig spürte sie ihren Puls bis zu den Schläfen
 und schien dem innerlichen Druck nicht länger standhalten zu können.

Sie fuhr sich unruhig über die Haare und ließ ihren Kopf müde in die
 Hände sinken. Müde, als hätte sie eine entscheidende Schlacht verloren.
 Müde, als hätte sie diesem Kampf tatsächlich mit Fäusten ausgetragen.
 Müde flüsterte sie: "Ich kann´s nicht."

Eine gefühlte Ewigkeit verharrte sie mit geschlossenen Augen in dieser
 Position und fühlte sich unbeschreiblich ausgelaugt, als eine vertraute
 Stimme fragte: "Was kannst Du nicht?"

 

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