Ebony & Ivory

Immer noch etwas verwirrt schaute
Bonnie Dr. Brown nach, während Ivy
sich unverhohlen den Hals nach ihm verrenkte: "Also der dürfte mich
auch
gerne mal untersuchen. Was meinst Du? Kitzelt sein Bart, oder
kratzt er?"
Sie drehte sich wieder zu Bonnie um und amüsierte sich weiter:

"Oder weißt Du es schon? Ich mein
... ihr schient euch eben ja blendend zu
verstehen." Sie stupste Bonnie vertraulich, doch von ihr kam keine
erwähnenswerte Reaktion. Bonnie war noch immer benommen und
schüttelte wieder nur teilnahmslos den Kopf. Sie hatte Mühe, sich
an den
schnellen Szenenwechsel zu gewöhnen und schaute Ivy fragend an.

Ivy jedoch war mit ihren Gedanken
offenbar schon wieder wo anders. Sie
machte sich an der Kommode zu schaffen und fand bald ein passendes
T-
Shirt: "Möchte mal wissen, mit was die Dich voll gepumpt haben. Du
guckst
aus der Wäsche, wie sieben Tage Regenwetter. Komm, lass´ uns mal
raus
gehen. Ist richtig schön und die frische Luft wird Dir gut tun."

Bonnie war alles andere, als
kräftig genug für einen Spaziergang. Ganz
abgesehen von ihrem inneren Chaos war sie erst am Vormittag wieder
zu
Bewusstsein gekommen und hatte seitdem einige schwere Stunden
durchlebt. Ihr Magen schmerzte, an ihren Schultern spürte sie
deutlich die
Stellen, die morgen blau sein würden und auch ihr Schädel schien
durch
stetes Pochen seinen Unmut äußern zu wollen.

Sie wollte nicht aufstehen. Sie
wollte nicht spazieren gehen und glaubte
auch nicht daran, überhaupt einen Muskel bewegen zu können. Doch
noch
während sie so da saß und sich darüber klar wurde, dass sie das
alles
nicht wollte, stülpte Ivy ihr das Shirt über und zog sie vom Bett
hoch.

Erstaunt und auf seltsame Weise
fasziniert stellte Bonnie fest, dass ihr
Körper anscheinend doch noch funktionierte. Unbeeindruckt von ihrem
Widerwillen setzten ihre Beine mechanisch einen Schritt nach dem
anderen und Bonnie kam sich vor, wie ein ungebetener Gast im
eigenen
Körper.

Schon nach wenigen Schritten
schaute sie nicht mehr auf den Boden. Ihre
Füße schienen den Weg ohnehin von alleine zu gehen, also begann
sie,
sich mehr auf das Geplapper von Ivy zu konzentrieren. Ohne wirklich
zuzuhören, erkannte Bonnie aber schnell anhand des Tonfalls, dass
Ivy nur
wieder einmal den neuesten Tratsch verbreitete.

Inzwischen waren die beiden auf der
Terrasse der Krankenhauscafeteria
angekommen und Ivy lenkte Bonnie zu einem Tisch, wo die beiden
Platz
nahmen. Es war ein wirklich schöner Tag und der Mai strahlte in all
seiner
Pracht.

Bonnies Nervenzellen hatten
allerdings erhebliche Schwierigkeiten, all
diese Reize und vor allem die intensiven Sonnenstrahlen zu
verarbeiten
und das Pochen in ihrem Kopf wuchs zu einem unerträglichen Stechen
in
den Schläfen an. Schützend hob sie die Hand vor ihre Augen:

"Können wir uns bitte in den
Schatten setzen? Das ist alles viel zu hell
hier." Ivy stand zwar prompt auf und half ihr an einen anderen
Tisch, doch
als sie sich nun wieder setzten, schmollte sie: "Ich dachte ja, Dir
würde es
so besser gefallen. Wir hätten doch schön die Sonne genießen können
..."

Vielleicht lag es tatsächlich an
der frischen Luft, die Bonnies Gedanken
klärten. Vielleicht war es aber auch der blanke Egoismus, den Ivy
so völlig
unverhüllt an den Tag legte, der Bonnie wieder daran erinnerte,
warum
gerade Ivy die letzte Person auf der Welt war, die sie im Moment
sehen
wollte. Es ging ihr hundsmiserabel.

Und obwohl ihr im Grunde die Kraft
für eine derartige Unterhaltung fehlte,
konnte sie doch nicht anders und sah Ivy direkt an. Sie spürte, wie
sich
Tränen langsam ihren Weg suchten und versuchte nicht einmal sie
aufzuhalten: "Warum hast Du das gemacht?"

Ivy wusste nur zu gut, worauf diese
Frage abzielte, gab sich aber
unwissend: "Tut mir doch leid. Jetzt ist es doch schattiger ..."
Als sich die
Blicke der Mädchen kreuzten, kam Ivy dann aber doch ins Stocken und
schien sich an das Ende ihres Satzes nicht mehr erinnern zu können.

Tonlos wisperte Bonnie: "Warum hast
Du ... das gemacht?" Jedes Wort
fühlte sich in Bonnies Kehle wie ein rostiges Sägeblatt an. Sie
wollte es
nicht sagen, wollte die Antwort nicht hören. Und doch konnte sie
nicht
anders.

Ivy wirkte überrascht: "Bonnie,
weißt Du das denn echt nicht? Ach Bonnie ...
ich hab´s doch für Dich gemacht." Eine gefährlich schrille Stimme
entwich
Bonnies Kehle: "Wie bitte?" Die Patienten an den umliegenden
Tischen
drehten sich verwundert zu den beiden um, doch Bonnie registrierte
sie
nicht einmal ansatzweise.

Ihr stand das blanke Entsetzen ins
Gesicht geschrieben, denn selbst in
ihren wildesten Erklärungstheorien hatte sie nicht mit so einer
Antwort
gerechnet. Ivy schien davon jedoch wenig beeindruckt. Genau
genommen
war ihr dieser Ausbruch von Bonnie sogar etwas peinlich:

"Psch! Muss ja nun nicht das ganze
Krankenhaus mitkriegen. Oder hast Du
Lust, in die geschlossene Abteilung verfrachtet zu werden? Also."
Da von
Bonnie keinerlei Antwort kam, fuhr sie versöhnlicher fort: "Bonnie.
Du bist
doch meine beste Freundin ... ja ... wie eine Schwester für mich."

"Und ich wünschte, ich hätte Dir
das ersparen können. Aber Du ... Du hast
mir doch keine andere Wahl gelassen. Mensch, Du bist so naiv
gewesen.
Ich habe doch immer wieder versucht, Dir zu erklären, was für ein
Typ
Paul ist und dass er Dir nur was vorspielt."

Sie suchte und fand den erhofften
Zweifel in Bonnies Blick und redete
weiter: "Ich hatte so gehofft, dass Du eben einfach nur ein wenig
Spaß mit
ihm haben wolltest. Wäre doch ok gewesen. Aber Du musstest Dich ja
unbedingt in ihn verlieben. Und da ... ich habe doch versucht, Dir
zu
sagen, was zwischen ihm und mir abgeht ... aber Du? Du wolltest
doch
nichts davon hören!"

Bonnie stockte der Atem: "Ihr ...
ihr habt euch öfters getroffen? Ivy, wie
konntest Du nur? Ich hab´ ... ich hab´ Dir vertraut." Ivy reagierte
ungewöhnlich emotional: "Bonnie, wie kannst Du nur so was von mir
denken! Ich konnte gar nichts! Als ich gemerkt habe, wie doll Du
ihn
magst, habe ich mich nicht mehr mit ihm eingelassen."

Ivy wirkte wirklich verletzt: "Er
hat sich immer wieder mit mir treffen
wollen. Er! Und wenn Du mir tatsächlich vertraut hättest, hättest
Du mir
auch geglaubt und mir zugehört, als ich Dich warnen wollte, Bonnie.
Aber
das hast Du nicht. Du hast gedacht, Du wüsstest alles besser und
mich
links liegen lassen. Ich wollte doch nur ... dass er Dir nicht weh
tut."

Bonnie holte tief Luft und wusste
nicht, was sie darauf antworten sollte. Sie
kannte Ivy fast ihr ganzes Leben lang und hatte sie selten so
aufgewühlt
erlebt. Schon während sich in Bonnie das Bedauern über all ihre
Zweifel
an Ivy zu Worten ausbildete, sagte Ivy leise:

"Aber das hat er ja dann doch
geschafft. Wie eine heiße Kartoffel hat er
Dich fallen lassen, Bonnie. Und irgendwann konnte ich es einfach
nicht
mehr mit ansehen, wie traurig Du warst. Es hat mir so leid getan.
Und da
... da dachte ich ... vielleicht musst Du es wirklich mit eigenen
Augen
sehen, damit Du es begreifst."

Bonnie sortierte angestrengt ihre
Gedanken und versuchte verzweifelt,
ihre widersprüchlichen Gefühle zu verstehen. Ihre Kränkung,
Enttäuschung und der Schmerz saßen zu tief und hatten Bonnie auch
zu
viel gekostet, um sie nun einfach bei Seite zu schieben:

"Ich weiß nicht, was ich denken
soll, Ivy." Sie war sichtlich geschwächt und
jeder andere Besucher hätte Bonnie wohl spätestens jetzt in Ruhe
gelassen. Für Ivy allerdings war das Thema noch lange nicht vom
Tisch. Sie
wollte gerade etwas erwidern, als eine Schwester, die am Tisch
vorbei
ging, durch Bonnies Anblick alarmiert wurde.

Sie beugte sich besorgt zu Bonnie
herunter: "Ist alles in Ordnung, Miss?"
Bonnie brachte ein völlig unglaubwürdiges Nicken zustande und die
Schwester wandte sich vorwurfsvoll an Ivy: "Sehen Sie denn nicht,
dass
ihre Freundin ins Bett gehört? Von welcher Station kommen Sie
denn?"

Noch während Ivy begann, eine
Entschuldigung zu stammeln, half die
Schwester Bonnie auf die Beine und lenkte sie stützend in die
Krankenhausräume zurück. Ivy schlurfte den beiden verdutzt und
leicht
schmollend hinterher.

Bald waren die drei wieder in
Bonnies Zimmer angekommen und die
Schwester wollte kurz mit der zuständigen Oberschwester sprechen
gehen. Ivy nutzte die Gelegenheit: "Bonnie, Du musst mir glauben.
Ich
wollte das alles doch nicht. Ich wollte Dir wirklich nicht wehtun,
aber
anders hättest Du mir doch nie geglaubt."

Ivys Augen füllten sich mit Tränen,
als sie Bonnies Hand nahm: "Ich
verstehe, wenn Du nie wieder mit mir reden willst. Ich wusste ja,
dass das
passieren könnte. Aber ich konnte doch nicht zulassen, dass meine
beste
Freundin einem Kerl hinterher trauert, der es gar nicht wert ist."

Bonnie rührte der Anblick ihrer
Freundin und ein Teil von ihr wollte Ivy
tatsächlich glauben. So sehr, dass er jeden verbliebenen Zweifel
übertönte. Sie atmete hörbar aus und schaute Ivy traurig an: "Tue
mir bitte
nie wieder so einen Gefallen."

Ivys Mimik hellte sich
augenblicklich auf und sie umarmte Bonnie herzlich:
"Versprochen. So was darf nie wieder geschehen. Dann sind wir noch
Freundinnen?" Bonnie nickte zögerlich und wollte eigentlich noch
etwas
sagen, aber die Schwester kam wieder zurück ins Zimmer.

Sie war recht ungehalten, denn sie
hatte gerade erfahren, dass Bonnie
strikte Bettruhe hätte halten müssen. Sie machte den Mädchen
unmissverständlich klar, dass sie in den nächsten Tagen auf keinen
Fall
weitere Ausflüge machen dürften.

Nachdem sie keine Widersprüche
erwartete, bat sie Ivy, nun das
Krankenhaus zu verlassen. Ivy und Bonnie tauschten noch einen
freundschaftlichen Blick aus und verabschiedeten sich. Die
Schwester
blieb noch bei Bonnie im Zimmer und so sah niemand das hämische
Grinsen auf Ivys Zügen, als diese nun den Heimweg antrat.
