Das Weihnachten der anderen
Dezember. Wie jedes Jahr dudelt im Radio wieder
die selbe schnulzige Melodie im Radio, und wenn ich
nicht gerade abbiegen müsste, würde ich den Sender wechseln. Aber
ich lasse George mal weiter
trällern, eigentlich ist der Song ja ganz schön. Wenn er nur nicht
wirklich immer und immer wieder
gespielt werden würde. Der Moderator hat es ja selbst gesagt:
"Leute, wenn ihr das hört ... wird euch
klar, dass Weihnachten naht."

Weihnachtszeit ... Advent. Eigentlich geht das
Theater ja schon im September los, wenn man in keinem
Supermarkt mehr einkaufen gehen kann, ohne dabei mindestens gegen
einen Pappaufsteller mit
Schoko-Nikoläusen zu rennen. Normalerweise freue ich mich ja immer,
wenn mir Schokolade in die
Quere kommt, aber in diesem Jahr ist alles ... anders.

Es wird immer später und ein Blick auf die
Tankanzeige lässt auch nichts Gutes ahnen. Ich wende also
den Wagen und fahre nach Hause, obwohl ich lieber die ganze Nacht
lang durchfahren würde. Bis hin
zu einem Ort, wo man noch nie etwas von Weihnachten gehört hätte
und es nur ein ganz normaler
Abend kurz vor Ende des Jahres wäre.

Während des Einparkens muss ich unwillkürlich
einmal mehr über meine Dummheit schmunzeln. Gäbe
es diesen Ort überhaupt? Ich schaue mich um und mir kommt die
bittere Erkenntnis, dass ich mitten
zwischen schrecklich blinkenden und geschmacklosen
Fensterdekorationen gefangen bin. Nein, ich
werde "der schönsten Zeit des Jahres" wohl nicht entfliehen können.

Niedergeschlagen schließe ich den Wagen ab und
steige müde die Treppen zu meiner Wohnung hoch.
Fühlt sich an, als wären meine Beine aus Blei und überhaupt sträubt
sich alles in mir, da jetzt
hineinzugehen. Na wenigstens werden mich drinnen keine Tannenzapfen
oder ähnliches erwarten.

Denn eigentlich hatte ich ja gar nicht hier sein
wollen. Meine Koffer liegen immer noch im Auto, denn er
hatte mich ja von der Arbeit abholen wollen und wir wollten direkt
zum Flugplatz. Eigentlich hatten wir
die Feiertage zusammen verbringen wollen. Eigentlich hätte doch
jetzt alles "gut" werden müssen.

Ich schließe mit zitternden Fingern meine Tür auf.
Eigentlich ... Eigentlich hatte er doch gesagt, er liebt
mich. Die Wohnung ist dunkel und kommt mir schrecklich winzig vor,
doch wenigstens ist sie nicht leer.
Ich höre Fattys Schnurren schon, bevor meine Hand den Lichtschalter
erreicht hat und freue mich mehr
denn je, von ihm begrüßt zu werden.

Vielleicht sollte ich direkt ins Bett gehen und
mir die Decke bis Neujahr über den Kopf ziehen? Ein
verlockender Gedanke. Stattdessen setze ich mich dann aber doch
aufs Sofa und leiste Fatty
Gesellschaft. Oder ist es umgekehrt? Ich weiß nicht.

Doch ich habe die leise Befürchtung, dass sein
Schnurren mich heute nicht trösten kann, als ich so
dasitze und ihn mechanisch kraule. Meine Gedanken drehen sich im
Kreis und obwohl ich genau weiß,
wie idiotisch sie sind, kann ich sie nicht aufhalten.

Mein Blick wird magisch von diesem Foto angezogen
und ich erinnere mich einmal mehr an diesen
schönen Tag zurück, an dem es entstanden war. Der bittere
Beigeschmack, dass alles, was es mir
bedeutet hatte, nur auf seinen Lügen beruhte, ist jedoch neu und
schmerzhaft.

Aber es ist ganz offensichtlich mehr als das. Von
Nebenan duftet es intensiv nach Braten und Rotkohl
und dieser bittere Beigeschmack kriecht buchstäblich meine
Speiseröhre hoch. Ruckartig stehe ich auf
und rette mich zur Toilette.

Ich bin richtig wütend, denn meiner Meinung nach
könnte diese bekloppte Kotzerei jetzt mal langsam
aufhören. Ich hatte immer gedacht, dass ginge nur die ersten Wochen
so. Aber ich bin ja sowieso
anscheinend gerade dabei, so einige Dinge lernen zu müssen.

Ich fühle mich schrecklich beengt und habe das
Gefühl, dass ich einfach keine Luft bekomme. Ja Luft ...
ich brauche frische Luft. Hier drinnen versinke ich ja doch bloß
wieder in Selbstmitleid. Keine Minute
später bin ich also wieder im Hausflur und gehe.

Das Auto lasse ich lieber stehen. Kaum noch Sprit.
Außerdem wird ein kleiner Spaziergang mir sicher
gut tun. Ich könnte in Richtung Park gehen. Da ist es immer schön
und da sind auch die Häuser
schöner. Alles so schmucke Einfamilienhäuser. Wie frisch aus der
Werbung.

Es ist ruhig in den Strassen, denn inzwischen sind
auch alle Geschäfte geschlossen und keiner hastet
mehr den letzten Geschenken hinterher. Ich genieße es, alleine zu
sein und den ganz frischen Schnee
unter meinen Füßen knirschen zu hören.

Die meisten Häuser, an denen ich jetzt
vorbeikomme, sind ganz nett dekoriert und obwohl ich bei
vielen nicht hinein schauen kann, gibt es doch hier und da immer
mal wieder ein Fenster, durch das
ich im Vorbeigehen sehen kann. Manche sitzen noch beim Essen, in
anderen Häusern hat schon die
Bescherung angefangen. Und aus einem Haus höre ich sogar Leute
singen.

Recht schief und auch nicht wirklich textsicher.
Aber es hört sich doch nach einem ziemlichen Spaß an
und ich muss unwillkürlich Schmunzeln. Und das, wo ich dieses ganze
Theater doch zynisch als
Fassade abtun will. Ich weiß durch meinen Job in der Kanzlei doch
genau, wie es sich hinter solchen
Türen oft wirklich verhält. Aber irgendwie ... irgendwie betrachte
ich die Familien heute Abend ...
anders.

Keine Ahnung, woran es liegt, aber ich möchte
vielleicht einfach nur glauben, dass es echt ist. Genauso,
wie ich es ihm wohl glauben wollte. Vielleicht hätte ich ihn früher
durchschauen können. Vielleicht. Aber
ich habe wohl nur gesehen, was ich mir wünschte. Während ich so
darüber nachdenke, komme ich an
einem halbleeren Haus vorbei.

Die Leute sind wohl gerade erst eingezogen, denn
ich sehe keine Gardinen und auch noch viele Kartons
herumstehen. Doch es brennt Licht und ich schleiche mich vorwitzig
an ein Fenster heran. Ein junges
Paar, frisch verheiratet, wahrscheinlich. Die beiden sitzen im
leeren Wohnzimmer vor dem Kamin und
sie gibt ihm ein kleines Päckchen.

Ich weiß, dass ich die nicht so bespitzeln sollte.
Ist ein ganz privater Moment und irgendwie schäme ich
mich fast. Doch plötzlich erkenne ich, was sie ihm da schenkt und
es schnürt mir die Kehle zu. In der
Schachtel sind ein paar winzige Schuhe. Seine Augen weiten sich und
er nimmt sie überglücklich in den
Arm. Ich höre natürlich nicht, was er sagt, aber dass muss ich auch
nicht.

Er sagt garantiert nicht "Musste dass sein? Na ja,
dann geh´ halt zum Arzt." und offenbart ihr ganz
sicher auch nicht im nächsten Atemzug, dass er schon eine Familie,
samt Ehefrau, hat. Unaufhaltsame
Tränen bahnen sich ihren Weg und ich beeile mich, dort weg zu
kommen.

Meine Schritte beschleunigen sich immer mehr, bis
ich völlig außer Atem an einer Straßenecke stehen
bleibe. Ich lehne mich an eine Laterne und versuche, mich zu
beruhigen. Doch ich kann´s nicht. Ich bin
so wütend. Nicht nur auf ihn. Eigentlich kaum auf ihn. Nein, auf
mich selber. Warum habe ich ihn nicht
zum Teufel gejagt? Warum?

Ein paar lauwarme Entschuldigungen und er hatte
mich wieder eingewickelt. Bei ihm geblieben bin ich.
Ich war wirklich so dumm, ihm zu glauben, als er sagte, er würde
nur mich lieben und den ganzen
anderen Mist. Dass er nur aus formellen Gründen bei ihr bliebe und
wegen der finanziellen
Angelegenheiten. Bockmist!

Inzwischen laufe ich weiter, ohne es zu bemerken.
Immer wieder kreisen meine Gedanken an unser
letztes Gespräch. Ich hatte ihm gesagt, dass ich dass alles so
nicht mitmachen könnte. Ich will doch
nicht so leben, verdammt. Ich will nicht "die Andere" sein und ewig
auf ihn warten. Und das habe ich
ihm gesagt. Ich dachte echt ... ach was spielt das jetzt noch für
eine Rolle?

Ich war eben einfach dumm genug, zu glauben, er
würde sich für mich entscheiden. Pff ... als ob.
Zweigleisig fahren will er. Gesagt hat er mir zwar was anderes,
aber die Tatsache, dass er
Weihnachten eben doch mit ihr verbringt, ist ja wohl
unmissverständlich.

Mein Gang ist eher zu einem Stapfen geworden und
ich habe bestimmt eine halbe Stunde nicht mehr
hoch geschaut. Aber dass ich jetzt mit diesem Typen zusammenkrache,
lässt mich wütend aufblicken.
"Oh ´tschuldigung" murmelt er mir entgegen. "´tschuldigung?" Kann
ja wohl nicht sein ernst sein. Ich
reibe mir die Schulter, denn der Trampel hat mich echt übel
erwischt: "Für ganze Wörter reicht´s wohl
nicht, he?"

Ich hatte damit echt nicht gerechnet, aber er
dreht sich fast erschrocken um: "Was? Nein. Äh ... was?
Tut mir leid, ich hab´ Dich nicht gesehen. Ich war nur ... ich hab´
... tut mir leid. Hab´ ich Dir weh
getan?" Ich trete misstrauisch zurück und schaue mit den Trottel
genauer an. Scheint irgendwie durch
den Wind zu sein, der Typ. Wirkt aber harmlos.

Also etwas freundlicher: "Nein, geht schon." Die
Tatsache, dass ich mir immer noch den Arm halte,
untermauert meine Worte vermutlich nicht gerade, was seinem Blick
auch deutlich anzusehen ist. Ich
weiß nicht, was genau es ist, was mir gerade den Wind aus den
Segeln nimmt, aber ich schrecke nicht
zurück, als er nun sanft über meine Schulter streicht: "Hm ... ich
hab´ Dich ganz schön erwischt, oder?"

Dass sich sein Blick jetzt so ändert, verwirrt
mich furchtbar. Aber noch bevor ich etwas erwidern kann,
erkenne ich, dass es ein Lächeln ist, was sich da seinen Weg bahnt.
"Kann ich das vielleicht irgendwie
wieder gut machen?" Offenbar entgleisen mir nun meine Gesichtszüge,
denn er lacht leise:

"Mit einem Kaffee, meine ich. Oder ´nem Glühwein.
Oder so was." Ich komme mir reichlich blöde vor
und finde das auch bei Weitem nicht so amüsant, wie er. Trottel.
Was denkt der sich denn? Ich setzte
zum weitergehen an: "Nein, Danke." Ich gehe ein paar Schritte und
ärgere mich weiter. Nein, ich rege
mich sogar richtig auf, über den Kerl.

Mit verschränkten Armen drehe ich mich dann doch
noch mal um: "Was denken Sie sich eigentlich? Sehe
ich wirklich so doof aus, dass ich mich mitten in der Nacht von
einem wildfremden Typen aufgabeln
lasse?" Am liebsten würde ich dem sein Schmunzeln mit einem
ordentlichen Tritt vors Schienbein
quittieren. Er scheint davon jedoch ziemlich unbeeindruckt und
kommt wieder näher.

Nachdem er sich erfolgreich sein Lachen verkniffen
hat, steht er wieder direkt vor mir: "Ich hatte mir
nur gedacht, dass Du echt durchgefroren aussiehst und ... naja ...
also daran bin ich zwar nicht
Schuld, aber ändern könnte ich es. Reicht doch, wenn Du morgen mit
´nem blauen Arm aufwachst.
Muss ja nicht noch ´ne Erkältung dazu kommen. Oder?"

Ich zögere. Warum höre ich ihm denn überhaupt noch
zu? Und seit wann laufen wir zwei jetzt eigentlich
schon nebeneinander her, verdammt? Irgendwie raffe ich gar nichts
mehr ... ich hab´ doch noch gar
nicht "ja" gesagt. Seltsam. Hinter der nächsten Kreuzung gelangen
wir zu einem kleinen Imbiss, der
offenbar durchgehend geöffnet hat.

Ich schaue zu ihm hoch, während er mir lächelnd
die Tür aufhält: "Wie heißt Du eigentlich?" Während wir
uns setzen, erfahre ich, dass er Michael heißt und schon nach
wenigen Minuten entwickelt sich ein
angenehmes Gespräch zwischen uns. Ich kann nicht sagen, woran es
liegt, aber ich entspanne mich
mehr und mehr in seiner Gesellschaft und es bleibt nicht bei dem
einen Kaffee.

Wir reden über alles und nichts und die Zeit
vergeht wie im Fluge. Aus den unverfänglichen Themen
werden immer persönlichere und teilweise auch sehr ernste und
irgendwann ertappe ich mich selbst
bei der Erkenntnis, dass ich mittlerweile mit Michael spreche, als
würden wir uns schon ewig kennen.
Der Morgen graut und er besteht darauf, mich noch nach Hause zu
bringen.

Wir laufen schweigend nebeneinander her und ich
bin mehr als verwirrt. Ich weiß einfach nicht, was ich
von alledem halten soll und irgendwie werde ich traurig. Michael
schaut zu mir rüber und fragt
vorsichtig, was los sei. Ich wünschte, ich könnte es ihm
beantworten, doch letztendlich weiß ich ja gar
nicht genau, was mich so bedrückt.

"Ich find´s irgendwie schade, dass die Nacht
vorbei ist. Albern, oder?" Er will etwas antworten, doch ich
unterbreche ihn. Ich betaste meinen Bauch, denn zum ersten Mal ...
zum ersten Mal überhaupt spüre
ich da etwas. Das Baby. Es bewegt sich. Es bewegt sich wirklich!
Unmöglich, dass mit Worten zu
beschreiben, doch mein Blick scheint Michael weitaus mehr zu sagen.
Er lächelt mich sanft an und ich
fühle wie glasig meine Augen werden.

Ich verschwende keinen Gedanken an die blöden
Umstände und bin einfach nur unglaublich glücklich,
dass ich diesen Moment mit jemandem teilen kann. Michael sieht mich
fragend an und ich lenke seine
Hand auf die Stelle. Er spürt es auch, dass sehe ich ihm an. Sein
Blick ist weich und ohne seine Hand
auch nur einen Millimeter zu bewegen, flüstert er: "Wenn das mal
nicht das beste Geschenk von allen
ist."
